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"Amy Winehouse kam mit dem Ruhm nicht klar"

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"Amy Winehouse kam mit dem Ruhm nicht klar"

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Nach Amy Winehouse Tod hat sich vor allem in den Boulevardmedien ein erstaunlicher Umschwung vollzogen: Vom sensationslüsternen Gieren nach neuen Fehltritten der schwer drogenkranken Soul-Diva hin zu trauernden Lobhudeleien. Euronews sprach mit dem Londoner Musikjournalisten Neil Sean über die Heuchelei des Boulevards, über Drogen und die Parallelwelt des Showgeschäfts.

Euronews: In London begrüße ich Showbiz-Reporter Neil Sean. Neil, ich werde das Gefühl nicht los, dass aktuell sehr viel geheuchelt wird. Jetzt, da Amy tot ist, wird von allen Seiten ihr zweifellos großes Talent gelobt. Aber jahrelang haben sich die Boulevardblätter an ihrem chaotischen Lebensstil und ihrer Selbstzerstörung geradezu ergötzt.

Neil Sean: Sie sagen es. Ich denke, dieser rasche Schwenk ist sehr interessant. Wenn Sie mal zwei, drei Jahre zurückdenken, da brachte eine Boulevard-Zeitung ein großes, ziemlich wüstes Bild von Amy mit der Überschrift: “Bitte, jemand muss sie retten.” Und man denkt sich, naja, noch deutlicher kann man die Botschaft ja nicht rüberbringen. Und jetzt wird sie plötzlich mit Legenden wir Billie Holiday, Edith Piaf und so verglichen, und ich denke mir, wartet mal ‘ne Sekunde… viele von Euch haben doch sehr gut an dieser unglücklichen jungen Frau verdient. Und jetzt überlegen sie wohl schon wieder, wem sie sich als nächstes zuwenden können, denn die Leute lieben ganz offensichtlich ein Opfer.

Euronews: Davon gibt es sicher genug in der Welt der Boulevard-Medien. Viele von Amys treuesten Fans sind verletzliche Teenager. Und das sind die Leute, die zu diesem Suff-und-Drogen-Leben aufgeschaut haben. Man muss sich nur mal die Gegenstände jetzt vor ihrem Haus anschauen, da sind nicht nur Blumen, sondern auch Zigaretten und Wodka.

Neil Sean: Amy hat die Boulevard-Meute ja auch auf eine Art selbst ermutigt. Es überrascht mich nicht so richtig, dass die Leute diese eher seltsamen Sachen vor ihrem Haus ablegen. Diese Sachen, die sie ja in echt umgebracht haben. Als Legenden wie Marilyn Monroe oder – in den 20ern – Rudolph Valentino starben, da haben die Leute geweint und Blumen oder Kerzen aufgestellt. Aber nicht bei dieser Dame. Sehr seltsam.

Euronews: Drogen gehörten ja schon immer zur Popmusik, was ist da jetzt der Unterschied? Ist es jetzt sozusagen direkter, mit den ganzen Boulevardmedien, mit Youtube. Könnte das Teil des Problems sein?

Neil Sean: Wir leben in einer sehr offenen Mediengesellschaft. Die Leute wissen genau, was zu tun ist. Jeder kann jede beliebige Berühmtheit jederzeit mit dem Handy beim Danebenbenehmen filmen und es dann bei Youtube oder anderen sozialen Netzwerken reinstellen. Und dann kann man dieses schlechte Verhalten abfeiern. Aber zunächst denke ich vor allem an ihre Eltern, denn Mitch und Janice haben wirklich ihr Bestes getan. Sie sind einfach normale Eltern mit einer Tochter, die zu einem internationalen Star wurde und die mit diesem enormen Ruhm nicht wirklich fertig wurde. Die sich eher zur dunklen Seite dieser Unterwelt hingezogen fühlte, zu Leuten, die sie ausnutzten.

Euronews: Es wird ja viel darüber geredet, dass Amy jetzt dem Club-27 beigetreten sei, also zu den jungen Musikstars gehört, die nach einer kurzen, heftigen Zeit mit 27 Jahren starben. Es scheint fast, als würden diese tragischen Schicksale in der Popkultur zu etwas Romantischem hochstilisiert…

Neil Sean: Wissen Sie, Amy hat mir mal gesagt – ich glaube, das war so 2004 oder so, da war ihr erstes Album gerade draußen und sie sagte in dem Interview…naja, wir sprachen sozusagen darüber, wie Legenden entstehen. Also warum man sich an manche Menschen erinnert, an andere nicht. Und sie sagte damals: “Ich denke nicht, dass ich besonders alt werde.’” Und ich dachte, das ist aber seltsam, so etwas von einem so jungen Mädchen zu hören, ein komischer Spruch. Aber ich denke nicht, dass Amy diesem Club da beitreten wollte. Es ist einfach ein unglückseliger Umstand, dass so viele Musiker so jung gestorben sind. Ich denke nicht, dass sie es darauf anlegte. Ich denke, sie war auf einem Weg, den sie nicht stoppen konnte.