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EU Kommission fordert Vorbeugung trotz Katastrophenhilfe

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EU Kommission fordert Vorbeugung trotz Katastrophenhilfe

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Mehr Vorbeugung gegen Hungersnöte fordert die für Katastrophenhilfe zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgiewa.“Wenn wir fünf Euro in die Vorbeugung für Dürrezeiten investieren, dann rettet das Leben. Wenn wir das Geld jetzt ausgeben, dann sind die Ausgaben pro Person 200 Euro höher”, sagte Georgiewa am Mittwoch in Brüssel. Sie hatte zuvor mehrere Tage lang Lager somalischer Flüchtlinge in Kenia und Äthiopien besucht.

Das in Nordkenia gelegene Lager Dadaab, in dem 400 000 Menschen aus Somalia auf Hilfe warteten, “übertrifft jede Vorstellungskraft”, sagte Georgiewa. “Es ist daher absolut entscheidend, dass wir alle mögliche Kanäle prüfen, um Nahrungshilfe innerhalb Somalias zu verteilen.” Es gebe eine Reihe von erfahrenen Hilfsorganisationen, die durchaus dazu in der Lage seien, in den von der islamistischen Shabaab kontrollierten Teilen Somalias zu arbeiten. Gleich nach ihrer Pressekonferenz war sie bei euronews im Studio.

euronews:

“Willkommen bei euronews, Kristalina Georgiewa, EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe und Krisenschutz. Sie kommen gerade von einer Reise ans Horn von Afrika zurück. Erste Frage, wie fühlen Sie sich, nachdem Sie eine solche Katastrophe mit eigenen Augen gesehen haben?”

Kristalina Georgieva:

“Es ist herzzerbrechend, ich erinnere mich an Familien, die 20 Tage lang unterwegs waren, bis an die Grenze nach Äthiopien, und da sitzen sie nun unter einem Baum. Wenn man sie fragt, wie sie sich fühlen, sagen Sie: ‘wir sind glücklich, weil wir niemanden verloren haben!’ Und gleich daneben sitzt eine Familie die unterwegs zwei Kinder verloren hat.”

euronews:

“Sie sagten einmal, Vorbeugung wir als nicht besonders sexy wahrgenommen. Aber wie kann die Kultur der Hilfe in Afrika beendet werden?”

Georgiewa:

“Das muss geschehen. Heute investieren wir weniger als ein Prozent unserer Entwicklungshilfe in Katastrophenvorbeugung. Das ist klar zu wenig in den Regionen Afrikas, wo das doppelte Problem von Klimawandel und Bevölkerungsexplosion jede Trockenheit schlimmer für die Bevölkerung macht, als die vorherige.”

euronews:

“Die EU hat nun gehandelt und ihre Hilfsleistungen erhöht, aber die Mitgliedsstaaten scheinen nun widerwillig mitzumachen.”

Georgiewa:

“Wir haben die Mittel der Europäischen Kommission von 64 auf 160 Millionen Euro aufgestockt – das ist eine Erhöhung um das zweieinhalb-fache. Und die Mitgliedsstaaten schießen soviel zu, dass wir auf 340 Millionen kommen. Ich glaube nicht, dass Geld das Problem ist – Geld kommt schon – aber: diese Mittel müssen nun schnell in Nahrungsmittel umgewandelt werden, in Trinkwasser, in Medizin und dies muss in einem riesigen Gebiet verteilt werden.”

euronews:

“Das ist ein Problem, vor allem in den Gebieten, die von den islamistischen Shabab-Milizen kontrolliert werden. Würden Sie mit diesen Gruppen sprechen?”

Georgiewa:

“Ich war im Südsudan, in einem Gebiet in der Nähe der Shabab-kontrollierten Zone. Die Organisation, mit der wir dort arbeiten ist an mehreren Orten tätig – unter anderem in Gebieten, die von den Shabab kontrolliert werden. Unsere Mitarbeiter dort haben mir immer wieder klar gemacht, dass solange es eine langfristige Partnerschaft zwischen den Hilfsarbeitern und der örtlichen Bevölkerung gibt, kann man die Menschen erreichen. Es sind viel mehr Hilfsorganisationen in Somalia – und auch in den Shabab-kontrollierten Gebieten – als das in der Öffentlichkeit bekannt ist.”

euronews:

“Und das leitet zur sehr schwierigen politischen Situation in Somalia über: Was kann Europa da tun?”

Georgieva:

“In diesem Moment muss unser Fokus darauf liegen, Leben zu retten. Jetzt ist nicht unbedingt der richtige Moment, um eine Krise zu lösen, die seit Jahrzehnten dauert. Aber es ist natürlich Zeit nachzudenken, ob man sich gescheiterte Staaten leisten kann. Es muss eine dauerhafte Lösung in Somalia geben, und zwar auf der Grundlage der Besonderheiten der somalischen Gesellschaft, die nun einmal eine Clan-Gesellschaft ist. Es gibt auch Landesteile, wo genau die Clans für Stabilität gesorgt haben: Somaliland und Puntland zum Beispiel – und da schlägt auch die Trockenheit weniger hart zu. Wir können Hilfe leisten, aber wir müssen natürlich auch die Gefahrenzonen in Somalia reduzieren.”

Das Gespräch führte Margherita Sforza