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Militärexperte: Fortschritte im türkischen Demokratisierungsprozess

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Militärexperte: Fortschritte im türkischen Demokratisierungsprozess

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Derzeit das Top-Thema in der Türkei: der Rücktritt der vier Armeechefs. Wir sprechen nun mit dem Wissenschaftler Atilla Sandikli, der selbst beim Militär gearbeitet hat.

Sevim Nezahat, euronews: In der 88-jährigen Geschichte der Republik gab es drei Putsche in der Türkei. Allerdings war oder ist jeder Zehnte in der Armee im Gefängnis oder muss sich vor Gericht behaupten.

Denken Sie, mit diesen Vorzeichen sind die Rücktritte ein Beleg für Krieg zwischen Militär und Regierung? Oder sind sie Teil eines Normalisierungsprozesses?

Atilla Sandikli, Militärexperte: Ich denke, die Ereignisse sind Teil einer Normalisierung, vor allem innerhalb des Verhandlungsprozesses mit der Europäischen Union. Das Demokratische System der Türkei verbessert sich mehr und mehr.

Normalerweise ist die Türkei an eine Regierung gewöhnt, die durch das Militär kontrolliert wird, aber nun machen wir Fortschritte hin zu einer Armee, die – wie in modernen Staaten – die Oberhoheit und Führungsrolle der Regierung akzeptiert.

euronews: Wenn das früher passiert wäre, hätte es eine heftige Reaktion in der Bevölkerung oder an den Börsen oder größere Besorgnis bei der Internationalen Gemeinschaft gegeben. Heute ist die Lage jedoch eher ruhig. Warum ist das so?

Sandikli, Militärexperte: Die gelassenere Stimmung ist ein Zeichen für die Fortschritte der türkischen Demokratie. Die Menschen waren mit dem Druck nicht einverstanden, den die Armee auf die Behörden ausgeübt hat. Die Nation war bereit für die Veränderungen und hat auf sie gewartet, es gibt also keine Krise.

euronews: Wie könnte die neue Rolle der türkischen Armee aussehen? Wie stark wird sie sich in die Politik einmischen? Oder wird sie sich gar nicht einbringen?

Sandikli, Militärexperte: Von nun an wird die Führung des Militärs die Oberhoheit der Regierung anerkennen und mit ihr zusammenarbeiten. Das war früher nicht so, was die Europäische Union in ihren Fortschrittsberichten über die Türkei kritisiert hat.

euronews: Es gibt Bedenken, dass die Armee ihre Unabhängigkeit verlieren könnte. Was denken Sie darüber?

Sandikli, Militärexperte: Wenn wir uns die Bestimmung für das Militär ansehen, dann wird klar, dass sich der Oberste Militärrat an die Gesetze gehalten hat. Für die höchsten Positionen wurden Menschen ausgewählt, die gut mit der Regierung zusammenarbeiten können.

Aber auf die unteren Posten wurde nicht eingewirkt. Wenn man das im Kopf behält, gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Regierung die Armee nach ihren Plänen geformt hat oder ihre Selbstständigkeit beschnitten hat.