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Christian Le Mière:"Kein Land will in Libyen mit Bodentruppen eingreifen"

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Christian Le Mière:"Kein Land will in Libyen mit Bodentruppen eingreifen"

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euronews:

Oberst Gaddafi hat die Kontrolle über Tripolis verloren, aber die Kämpfe dauern an. Über diese hochgradig unsichere Lage sprechen wir mit Christian Le Mière vom unabhängigen Londoner Institut für strategische Studien. Nachdem die erste Euphorie vorbei ist – wie könnten für beide Seiten die nächten Schritte aussehen? Wie wird sich der Konflikt nach ihrer Ansicht entwickeln?

Christian Le Mière:

Das hängt davon ab, ob die Rebellen Gaddafis Sohn und ihn selbst festnehmen und vor Gericht stellen können. Gelingt ihnen das nicht, könnten die Gaddafis selber für Aufruhr sorgen. Alles abhängig davon, wer genug Material und Unterstützung hat, was im Moment unklar ist.

euronews:

Die NATO will keine Bodentruppen einsetzen. Wie kann sie ohne diesen Schritt den Rebellen weiter helfen, Gaddafi nieder zu ringen?

Christian Le Mière:

Die NATO ist dringend daran interessiert, Präsenz am Boden zu vermeiden. Man hat gesehen, dass die Rebellen eine Reihe von Beratern und Ausbildern haben, woher auch immer. Wobei nicht klar ist, ob die dieser bunten Truppe Disziplin und Ordnung beibringen können.

euronews:

Könnten arabische Staaten wie Quatar ihre schon vorhandene Hilfe für die Rebellen erweitern?

Christian Le Mière:

Ich denke, kein Land will mit eigenen Truppen eingreifen. Auch nicht Quatar und die Emirate, die den Rebellen mit Material und Logistik helfen.

Möglich sein könnten Spezialisten vor Ort, deren Zahl aber auf ein Minimum begrenzt werden dürfte.

Zu groß ist die Furcht vor politischem Schaden, falls NATO oder andere mit erheblicher Truppenstärke eingreifen.

euronews:

Auf Seiten der Rebellen beobachten wir eine ziemliche Unordnung. Was wird, wenn deren Konflikte untereinander sich hinziehen?

Christian Le Mière:

Stammenspolitik in Libyen ist eine unübersichtliche Angelegenheit. Da wird es noch auf unbestimmte Zeit ein ziemliches Gerangel um politische Positionen geben. Aber es wächst auch das Interesse an einer libyschen Lösung.

euronews:

Es wird auch spekuliert, ob Gaddafi in zunehmend aussichtsloser Lage chemische Waffen einsetzen könnte.

Christian Le Mière:

Es gibt nur noch rudimentäre Vorräte, falls überhaupt. Es ist fraglich, ob von den Vorräten an Senfgas, die 2004 aufgelistet wurden, überhaupt noch etwas da ist. Es hat nicht den Anschein, als könnten noch Scud-Raketen mit chemischen Waffen einsetzbar sein. Fraglich ist, ob überhaupt noch einsatzfähige Chemiewaffen da sind.

euronews:

Nach dem Einmarsch in den Irak mussten die USA erkennen, dass es eine Fehler war, die irakische Armee nicht in den Neuaufbau des Landes einzubeziehen. Kann dieser Fehler in Libyen vermieden werden?

Christian Le Mière:

Ich glaube, jeder, der sich mit Libyen beschäftigt, ist sich im Moment des irakischen Beispiels sehr wohl bewußt. Bedenkt, welche Konsequenzen es dort für neuen Aufruhr hatte, dass Teile der Bevölkerung außen vor blieben. Jeder möchte vermeiden, dass es derartige Racheakte gibt und will deshalb ein Auseinanderbrechen des Staates verhindern, was zu Anarchie und Instabilität führen würde.

euronews:

Was immer auch geschieht in den nächsten Tagen, Stabilität ist ein Langaufgabe. Danke für das Gespräch.