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Libyen - der Kampf ums Erdölgeschäft

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Libyen - der Kampf ums Erdölgeschäft

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Noch wird gekämpft in Libyen um die Macht im Staate, da hat auch schon ein anderer Kampf begonnen. Jener der Interessenten, die mitverdienen wollen an der üppigen Erdölproduktion des nordafrikanischen Landes. Auch in diesem Kampf scheint im Moment noch nichts entschieden.

Es könnten sich neue Allianzen bilden.

Vor dem Krieg förderte Libyen 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Das entspricht zwei Prozent der Weltproduktion.

Damit sind aber noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Libyen verfügt auf dem afrikanischen Kontinent über die größten Reserven.

Die werden auf 44 Milliarden Barrel geschätzt.

85 Prozent der libyschen Ölexporte gehen zur Zeit nach Europa.

Der erste ausländische Partner ist ENI, der Konzern aus der einstigen Kolonialmacht Italien. ENI hat auch sofort mit den Rebellen verhandelt, um diesen Spitzenplatz zu behalten – egal, wer den Staat regiert. ENI hat in Libyen einen Marktanteil von 15 Prozent zu verteidigen. Aber andere stehen schon in den Startlöchern. Experten schätzen, es werde zwei Jahre dauern, ehe wieder eine Produktion auf Vorkriegsniveau erreicht werden könne. Neben ENI war vor dem Aufstand der französische Konzern TOTAL der zweite Großkunde. Ebenfalls stark interessiert sind “Quatar petrol” und die Schweizer “Vitol”. Und dann rechnen sich auch noch BP, Shell, OMV aus Österreich sowie die US-Firma “Conoco-Phillips” Chancen aus.

Aber auch China und Russland, bisher gute Partner von Gaddafi, verstärken ihre diplomatischen Bemühungen. Beide hatten sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat im März der Stimme enthalten. Sie setzen darauf, dass die Rebellen die mit der Gaddafi-Regierung unterzeichneten Verträge respektieren werden.

So hatte es Ahmed Jehani formuliert, der im Übergangsrat für Wiederaufbau zuständig ist.

Er betonte, im Moment bestehe nicht die Absicht, Verträge zu kündigen.

Trotzdem darf man davon ausgehen, dass langfristig jede Regierung in Tripolis bei Förderverträgen auch nach politischen Gesichtspunkten entscheiden wird. Zunächst aber wird es darum gehen, die Produktion wieder in Gang zu bringen. So hoffen alle bisherigen und neu interessierten Partner, dass bei den Kämpfen die kostbaren Förderanlagen möglichst unversehrt bleiben.

“Europäer haben im Rennen um libysches Öl die Nase vorn”
 
Euronews: Über die Zukunft der libyschen Ölindustrie sprechen wir jetzt mit Jan Randolph von IHS Global Insight aus London. Jan, das Rennen um die Verteilung des libyschen Öls nach dem Krieg hat bereits begonnen. Multis wie ENI oder Total führen den Wettlauf an. Werden italienische und französische Unternehmen die Gewinner der anti-Gaddafi-Revolution sein?
 
Randolph: Absolut. Ich denke, die Übergangsregierung wird die bestehenden Verträge respektieren, obwohl sie diese als neue Herrscher auch neu ausschreiben könnten. Wer sich schon in Libyen engagiert hat, wird seine Tätigkeiten sicher wieder aufnehmen können. Wohl auch deshalb, weil die Europäer, und hier speziell die Franzosen und Briten, die Sache der Rebellen von Anfang an unterstützt haben. Ihnen stehen also sehr vorteilhafte neue Verträge in Aussicht.
 
Euronews: Andererseits deuten auch einzelne Aussagen der Rebellen darauf hin, dass Länder, die Sanktionen gegen Gaddafi ablehnten, einen Rückschlag erleiden könnten. Müssen also Russland, China und möglicherweise auch Deutschland den politischen Preis für diese Revolution zahlen?
 
Randolph: Ja, manche Rebellen sagen das. Die Russen und Chinesen haben sich hier ja erst ziemlich spät eingeschaltet, aber was ihre Verträge angeht, haben sie sicher einen Fuß in der Tür. Die nationale Chinesische Ölgesellschaft und Gazprom zum Beispiel haben schon Nutzungsrechte. Sie haben zwar den UN-Beschluss nicht durch ein Veto verhindert, damit Zivilisten geschützt werden können. Gleichzeitig haben sie beklagt, dass die NATO die Grenzen des UN-Mandats überschritten habe. Ja, ich denke es ist ganz klar, dass die Europäer bevorzugt werden. Es ist auch der nächstgelegene Markt, wo die ganzen Geschäfte gemacht werden können. Ich denke, dieser Linie werden sie folgen.
 
Euronews: Sprechen wir über Geld. Der Wiederaufbau und die Reparatur von Öl- und Gasanlagen müssen bezahlt werden, möglicherweise mit sehr viel Geld. Wird das ein Problem für Libyen sein, angesichts der aktuellen Lage auf den Kapitalmärkten?
 
Randolph: Das denke ich ehrlich gesagt nicht. Ich glaube, Libyen hat hier einen riesigen Vorteil. Es hat kaum Schulden im Ausland, weniger als eine Milliarde Dollar. Westliche Banken wollten Libyen kein Geld leihen, und Gaddafi war auch kein besonders großer Kreditnehmer. Er war eher ein fremdenfeindlicher Autokrat, der Gold und Devisen hortete, wir schätzen im Wert von 60 Milliarden Dollar. Noch dazu richteten sie einen eigenen Staatsfonds ein, die Libyan Investment Authority – und der hat ebenfalls einen Umfang von 60 Milliarden Dollar. Wir sprechen also über ein Vermögen von mehr als 120 Milliarden Dollar, einschließlich einer Menge liquider Mittel, die schnell ausgezahlt werden können, auch für Wiederaufbaumaßnahmen.
 
Euronews: Das hängt aber natürlich alles von der Sicherheit und Stabilität in Libyen ab. Nehmen wir mal an, alles läuft glatt. Wird die Wiederaufnahme der libyschen Energiewirtschaft die Ölpreise drücken?
 
Randolph: Libyen ist ein bedeutender Öl- und Gasproduzent. Aber selbst wenn die Produktion hier auf Hochtouren läuft, trägt sie nur zwei oder drei Prozent zur weltweiten Versorgung mit Öl und Gas bei. Es wird als nur eine minimale Auswirkung auf die Entwicklung der globalen Ölpreise haben. Diese sind zwar jüngst gefallen, das hängt aber mehr mit der Weltwirtschaft und der weltweiten Nachfrage nach Öl zusammen, mit der Abkühlung der Wirtschaft von Schwellenländern und dem langsameren Wachstum in Europa und den USA. Das alles war wesentlich bedeutender für das Sinken der Ölpreise, die Ereignisse in Libyen hatten weniger damit zu tun.