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Wohlfahrt adé?

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Wohlfahrt adé?

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Unsere heutige Frage kommt von Javier aus Spanien:
 
 “Warum tragen die EU-Länder zum Verschwinden des Wohlfahrtsstaat bei? Wie erklären Sie sich, dass uns auf den Gebieten Arbeit, Rente und Gesundheit die Errungenschaften des Schweden Olof Palme, der britischen Arbeiterbewegung oder auch der deutschen Sozialdemokraten verloren gehen?”    
 
Henri Sterdyniak, Ökonom am Pariser Observatoire Français des Conjonctures économiques, beanwortet für uns Javiers Frage:  
 
“Schon immer gab es zwei Konzepte von Europa: Für die Einen muss die Europäische Union den Mitgliedsländern erlauben, ihr als Kompromis zwischen Sozialismus und Kapitalismus bestehendes Sozialmodel zu verteidigen und weiter zu entwickeln. Dieser Weg ist durch hohe öffentliche und soziale Ausgaben, durch ein starkes Arbeitsschutzrecht und nicht zuletzt durch das Prinzip der Umverteilung geprägt. Für die anderen besteht das Ziel darin, die Europäische Union immer weiter in Richtung des angelsächsischen Models zu entwickeln, hin zu einem liberalen System.  
Um den Schutz durch die Sozialsysteme zu reduzieren, die öffentlichen Ausgaben abzubauen und den Arbeitsmarkt zu liberalisieren, sollen Reformen in Gang gesetzt werden. Diese zweite Sichtweise setzte sich in Europa nach und nach durch. Vor allem bei den Entscheidungsträgern in der europäischen Verwaltung hat sie sich spätestens nach dem Beitritt Großbritanniens zur EU etabliert, das hatte später auch mit dem Beitreitt osteuropäischer Länder zu tun.          
 
All das hat zu einer wirtschaftsliberalen Geisteshaltung in Europa beigetragen. Und die europäische Linke hat sich unfähig gezeigt dagegen vorzugehen. In einigen Ländern, vor allem in Nordeuropa und auch in Deutschland, haben die Linke und die Gewerkschaften den Abbau des Sozialschutzes akzeptiert, so wie auch die Senkung des Lohnniveaus – alles um Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass das das Wirtschaftswachstum bremst und das soziale Gefälle in Europa erhöht. Die Fragen, die sich nach der Finanzkrise für Europa stellen ist folgende:
 
Sollen wir weiterhin mittels einer strengen Sparpolitik die Sozialausgaben zurückfahren?
 
Sollen wir die Arbeiter der Welt weiter einen unerbittlichen Preiskampf gegeneinander führen lassen und dabei weitere Lohnkürzungen hinnehmen?   
 
Ist unser Ziel noch immer die Umsetzung des liberalen Models und damit die Kontrolle durch die Finanzmärkte?
 
Oder verfolgen wir für Europa eine sozialere Vision, eine solidarische, ökologischere, die ihre Aufgabe vor allem in der Wohlfahrt ihrer Bevölkerung sieht und beispielsweise einen vom Durchschnittseinkommen eines Landes anhängigen Mindestlohn favorisiert?
  
Haben wir keine Interesse mehr an Standards, die Renten, Kinderarmut und Arbeitslosigkeit nicht zulassen? Kann Europa nicht wieder ein angesehenes, sozialverträgliches Projekt werden?“ 
  
 
Wenn Sie auch eine Frage stellen möchten, dann besuchen Sie unsere Internetseite: euronews.net/u-talk.”