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Israel-Türkei - wie aus guter Nachbarschaft Feindschaft wurde

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Israel-Türkei - wie aus guter Nachbarschaft Feindschaft wurde

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Die bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und

Israel haben schon bessere Tage gesehen. Gut drei Jahre ist es her, seit zuletzt so richtig innig Hände geschüttelt wurden. In den 90er Jahren fanden beide Seiten zu einem Militärabkommen, als Handelspartner sind sie einander ziemlich wichtig. Und beider Hauptpartner USA sah ihre guten Beziehungen immer mit Wohlgefallen.

Doch die endeten, als Israel im Ende 2008

“gegossenes Blei” auf den Gazastreifen niedergehen

ließ. Durch diese Militäraktion fanden fast 1400 Palästinenser den Tod, darunter etwa 300 Kinder. Für Ankara war das ein Grund, schärfere Töne anzuschlagen. Bis hin zum Eklat, den Ministerpräsident Erdogan gegenüber Israels Präsident Schimon Peres in Davos provozierte: “Ich habe das Gefühl, dass sie sich vielleicht doch etwas

schuldig fühlen und deshalb so harte, so laute Worte finden. Es ist so, sie haben Menschen getötet.” Erdogan sprach’s – und verließ die Veranstaltung. Damit wurde öffentlich, was bisher nur auf diplomatischer Ebene geschwelt hatte.

Eine türkische Fernsehserie hatte in Israel zu zornigen Reaktionen geführt. In der fiktiven Geschichte waren Mossad-Agenten die Bösen. Das

stieß der israelischen Politik so sauer auf, dass der türkische Botschafter einbestellt und unter bewußter

Missachtung aller diplomatischen Höflichkeiten wie ein Schuljunge abgekanzelt wurde.

Zum schwärzesten Tag für die türkisch-israelischen Beziehungen wurde der 31. Mai 2010. Da enterte ein

israelisches Spezialkommando das türkische Schiff

“Mavi Marmara” und tötete neun türkische Aktivisten. Die hatten die israelische Blockade durchbrechen und Hilfsgüter für die Bevölkerung in den Gazastreifen bringen wollen. Ankara berief seinen Botschafter aus Tel Aviv ab und verlangte eine offizielle Entschuldigung. Vergeblich. Israel beruft sich auf auf “legitime Selbstverteidigung” und

wird darin letztlich durch einen UN-Bericht bestärkt.

“Wir haben die diplomatischen Beziehungen bis auf das Niveau des 2. Botschaftssekretärs heruntergefahren”, erklärte der türkische Regierungschef vor einer Woche. Die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verteidigungsindustrie habe die Türkei vollkommen aufgegeben, ähnliche Maßnahmen beim Handel könnten folgen. Dazu kam dann noch die Ankündigung, künftig Schiffe einer “Gaza-Hilfsflotte”

von Kriegsschiffen begleiten zu lassen. So gründlich kann aus guter Nachbarschaft zum gegenseitigen Vorteil erbitterte Feindschaft werden.

Gizem Adal, euronews: Über diese Entwicklungen sprachen wir mit dem türkischen Journalisten Mete Çubukçu. Wie deuten Sie angesichts der jetzigen Lage diesen Besuch?

Çubukçu: Da gibt es drei Dinge: Zum ersten hat sich die Türkei bei den arabischen Aufständen nicht auf die Seite der Regierungen gestellt, sondern auf die des Volks.

Zweitens ist die Türkei in der Region eine führende Kraft. Mit diesem Besuch könnte sich das noch verstärken.

Und das dritte und wichtigste ist: Wegen der Krise mit Israel ist vor allem der Besuch in Ägypten sehr wichtig. Auch Ägypten hat mit Israel immer wieder Krisen durchgemacht.

Gizem Adal, euronews: Die Spannungen zwischen beiden Ländern

scheinen eher noch zu steigen, als dass sie abnehmen. Wie weit wird das noch gehen? Kann es zu einer “heißen” Auseinandersetzung kommen?

Çubukçu: Eine Lösung wird es wohl nicht geben, so lange die türkischen Bedingungen nicht erfüllt werden: Entschuldigung und Entschädigung.

Für die Regierung ist das erstens eine Staatsangelegenheit und zweitens eine Frage der Ehre. Die meisten Leute unterstützen das.

Wenn diese beiden Bedingungen erfüllt werden, dann kann die Türkei in ihrer Haltung in punkto Gazastreifen ganz oder teilweise nachgeben.

Werden die beiden Bedingungen nicht erfüllt, dann verschärft sich die Krise. Das geht bis zur Frage einer ungehinderten Schifffahrt, wo es immer wieder

Spannungen geben kann. Das deutet sich schon an: Türkische Kriegsschiffe werden im Mittelmeer stationiert. Die Krise wird sich wohl verschärfen.

Gizem Adal, euronews: Was für Auswirkungen haben die Spannungen auf die Region, auf den Nahen Osten?

Çubukçu: Im Nahen Osten ordnet sich alles neu, jetzt im “Arabischen Frühling”. Auf kurze Sicht müssen wir Syrien im Blick haben, und wie sich Libyen entwickelt.

Aber auf lange Sicht will die Türkei eine neue Politik, bei der es um die Meinung der Menschen geht. Kann Israel hier zwischen den Zeilen lesen? Da habe ich meine Zweifel.

Israels jetzige Regierung kann die Ereignisse nicht deuten. Israel schweigt dazu. Es trägt nichts zum Friedensprozess bei und hat wohl sogar seine bisherigen Freunde verloren.

Jetzt, im “Arabischen Frühling”, kommen neue Regierungen durch Wahlen an die Macht: Nicht wie die alten Diktaturen, mit denen Israel besser umgehen konnte.

Israel wird es wohl schwerer haben als bisher. Ich glaube, sie werden in der Region isoliert sein. Israels Politik wird dann feindseliger gegenüber der Außenwelt werden.