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Stresstests der Raktoren kostten Milliarden

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Stresstests der Raktoren kostten Milliarden

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Kein Atom-, sondern nur ein Industrieunfall habe sich zu Beginn der Woche in Frankreich in einer Atomanlage ereignet, hieß es offiziell. Ein Mensch starb, vier weitere wurden verletzt. Die Umwelt wurde verschont. Nach dem schweren Atomunfall im japanischen Fukushima im vergangenen Frühjahr einigte sich die Europäische Union auf die Überprüfung der mehr als 140 Reaktoren. Ob es nicht notwendig sei, außer den Reaktoren die gesamten Anlagen zu testen, wollte Euronews wissen. Nein, sagt Jean-Pol Poncelet, Chef des europäischen Verbands der Atomindustrie in Brüssel, FORATOM. “Es ist klar, dass die Sicherheitsmaßnahmen in der betroffenen französischen Anlage verschärft werden müssen und dass der Unfall nicht ohne Folgen bleiben wird. Es handelt sich um Menschenwerk, folglich kommt es zu Zwischenfällen und manchmal zu Unfällen. Fortschritt ist nur auf der Grundlage der Schwierigkeiten möglich, denen wir begegnen.”

Die so genannten Stresstests der Reaktoren sollen bis Dezember abgeschlossen werden. Dann will die EU-Kommission einen Bericht vorlegen. Untersucht wird vor allem, ob Stromversorgung und Kühlung nach möglichen Terrorangriffen, menschlichen Bedienfehlern oder in Notsituationen sicher funktionieren. Nach Ansicht der grünen Europaabgeordneten Michele Rivasi sind die Kosten dieser Überprüfungen zu hoch: “Die Anpassung der Nuklearanlagen in Frankreich an die neuen europäischen Vorschriften kostet etwa 70 Milliarden Euro. Das ist ein ansehliches Budget. Es bedarf somit einer politischen Entscheidung: Will man durch erneuerbare Energien, durch die Wärmedämmung von Gebäuden Arbeitsplätze schaffen und den Regionen zu Aufschwung verhelfen oder bleibt man bei der Atomkraft, die Unsummen kostet?” Die französische Europaparlamentarierin zählt mit ihrer Einschätzung jedoch zu einer Minderheit. Denn während in Deutschland Demonstrationen gegen Atomkraft jahrzehntelang zum Alltag gehörten, finden Debatten um Laufzeitverlängerungen oder Endlager in Frankreich vor allem unter Fachleuten statt.

Über die im vergangenen Frühjahr von der Regierung in Berlin beschlossene Atomwende sowie über erneuerbare Energien sprach Olaf Bruns mit dem früheren grünen Umweltminister und derzeitigen Fraktionschef der Grünen im deutschen Bundestag, Jürgen Trittin.

Euronews:

“Herr Trittin, willkommen bei Euronews. Herr Trittin, meine erste Frage: Deutschland steigt aus der Atomkraft aus. Außerhalb von Deutschland können viele sich überhaupt nicht vorstellen, wie ein Übergang zu anderen Energieformen möglich ist, ohne wieder auf fossile Brennstoffe zurückzugreifen. Wie soll das überhaupt funktionieren?”

Jürgen Trittin:

“Wir haben in den letzten 10 Jahren weitaus mehr Strom erneuerbar erzeugt, als wir inklusive der 8 AKWs, die wir jetzt vom Netz geommen haben, stillgelegt haben. Und das hat dazu geführt, dass zum Beispiel im ersten Halbjahr 2011 über 20 Prozent – also ein Fünftel – des Stromes, der in Deutschland verbraucht wurde, erneuerbar erzeugt wurde. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass mittlerweile in dieser Branche der erneuerbaren Energien 370.000 Menschen Arbeit gefunden haben.”

Euronews:

“Aber bedeutet so ein Übergang nicht auch, dass zum Beispiel mehr Strom aus Frankreich importiert wird, wo weiter auf die Atomenergie gesetzt wird?”

Jürgen Trittin:

“Wir haben im letzten Jahr ungefähr die Nettokapazität von sieben Großkraftwerken exportiert – und nicht importiert – und wir exportieren übrigens im Sommer häufig nach Frankreich, weil die ihre Atomkraftwerke runterfahren müssen, wegen der dortigen Wärme.”

Euronews:

“Ist das Ziel nicht eigentlich, dass ganz Europa aus der Atomkraft aussteigt und wäre es da nicht besser gewesen, Deutschland hätte mehr Energie darauf verwandt, seine europäischen Partner zu überzeugen, als alleine auszusteigen?”

Jürgen Trittin:

“Wir sind gar nicht alleine: Österreich ist seit Jahren raus, Italien ist in dieser Situation da raus. Und nocheinmal: Wir werden einen Ausstieg in ganz Europa erleben – nur in manchen Ländern, wie in Deutschland geschieht der geordnet, verbinden mit konkreten Ausbauzielen für erneuerbare Energien – in den anderen vollzieht er sich naturwüchsig, je nachdem, wann eine altersschwache Anlage vom Netz geht. Und ich stelle anheim, zu entscheiden, was der klügere Weg ist.”

Euronews:

“Energiekommissar Oettinger hat dieser Tage den deutschen Ausstieg scharf kritisiert und zum Beispiel gesagt, dass er viel zu national ausgerichtet sei.”

Jürgen Trittin:

“Ich hab’ überhaupt nicht den Eindruck, dass er national ausgericht ist: Deutschland hat mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz die Steilvorlage für den Rest Europas geliefert, wie man umsteigen kann. Ich sehe, dass überall der gleiche Weg gegangen wird. Und Deutschland hat wesentlich dazu beigetragen, dass es europäische Ziele beim Klimaschutz gibt – die stellt Herr Oettinger auch in Frage, die möchte er nicht. Und dann lassen wir uns doch mal freundlich auf einen europäischen Wettbewerb ein, wer am besten, schnellsten und vor allem am preisgünstigsten die europäischen Vorgaben erfüllt. Ich glaube, dass die Deutschen sich da als gute Europäer erweisen werden.”