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"Es ist unfassbar, dass Europa die Lebensmittelhilfe für Arme in Frage stellt"

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"Es ist unfassbar, dass Europa die Lebensmittelhilfe für Arme in Frage stellt"

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Den Landwirtschaftsministern der 27 EU-Staaten ist es nicht gelungen, sich über die Zukunft der Lebensmittelhilfe für Arme in Europa (das von EU-Kommissionspräsident Jacques Delors 1986 ins Leben gerufene “Programme européen d’aide au plus démunis”) zu einigen. Deutschland, Großbritannien, Dänemark, Schweden, die Niederlande und Tschechien blockieren die Vorschläge der EU-Kommission. Nach Ansicht Deutschlands ist Lebensmittelhilfe Sache der einzelnen Staaten, da es in der europäischen Landwirtschaft keine Übersch!usse mehr gibt.
Alain Seugé, der Vorsitzende des französischen Verbandes der Tafeln, die Lebensmittelhilfe leisten, äußert im euronews-Interview seine Fassungslosigkeit.

Was sagen Sie dazu, dass die EU ihre Entscheidung auf Oktober vertagt hat?

Das ist extrem enttäuschend. Unser kleiner Hoffnungsschimmer ist, das Österreich das Lager der Gegner verlassen hat, wir sind also auf dem richtigen Weg.
Für uns ist es unfassbar, dass Europa das Programm der Lebensmittelhilfe für Arme in Frage stellt. Es kann sich weiterentwickeln. Die geleisteten Beiträge sind relativ gering, also ist nicht einzusehen, warum das Programm untergehen könnte. Seit Monaten sind die Gespräche blockiert. Wir wissen, dass wir dieses Problem lösen müssen, es ist unsinnig, so viel Zeit zu verlieren.
In politische Hinsicht war die Sache klar, es gab nicht viel abzuwarten. Frankreich hätte die Zögerer überzeugen müssen, das hatten wir erwartet, weil die französische Regierung ihre Bürger und die, die von der Lebensmittelhilfe abhängig sind, nicht enttäuschen dürfte. Es handelt sich hier um eine ganz besondere Herausforderung für Europa.

Was werden Sie bis Oktober tun, damit Sie sich mit Ihrem Anliegen Gehör verschaffen?

Alle, die wir im Bereich der Lebensmittelhilfe in Europa arbeiten, werden weiterhin Druck auf die Politiker ausübern, damit sie sich der Auswirkungen im Falle einer negativen Entscheidung bewusst werden. Wir besprechen uns mit den Tafeln und Vereinen in Frankreich und den anderen Lebensmittelhilfen in Europa über die Aktionen, die wir einleiten werden – vor allem in den Staaten, die die europäische Lebensmittelhilfen blockieren. Wir müssen versuchen, die politischen Entscheidungen in diesen Ländern zu beeinflussen, indem wir den Druck der öffentlichen Meinung einsetzen. Wir haben noch nicht entcheiden, was wir tun werden, aber das muss nicht unbedingt spektakulär sein – oder vor den Medien. Leider findet Armut mit Verborgenen statt, sie ist still, also kann man nicht lautstark handeln.

Wenn die Entscheidung der EU-Minister im Oktober gegen die europäische Lebensmittelhilfe ausfällt, haben sie andere Lösungen, um die Hilfe aufrecht zu erhalten?

Einen Teil unserer Hilfen können wir bei großen Supermärkten beschaffen. Sie müssen wissen, dass wir alle Freiwillige sind, die unentgeltlich arbeiten. Wir tun, was wir können, aber wir brauchen die europäischen Hilfen. Schließlich müssen wir auch für eine ausgewogene Ernährung sorgen.

Die Politiker müssen ihre Verantwortung übernehmen. Wir leisten eine schwierige und undankbare Arbeit. Wir sind hochmotiviert, aber wir können nicht viel tun, wenn die Entscheidung negativ ausfällt. Wenn die EU-Politiker es noch nicht einmal schaffen, einen Euro pro Bürger pro Jahr für das Überleben des Hilfsprogramms zur Verfügung zu stellen, dann werden 2012 in Frankreich 130 Millionen Essen weniger ausgeteilt werden.

Letztendlich basieren Ihre Hoffnungen auf einer politischen Entscheidung…

Ja, und wir zählen auf die französische Regierung und ihre Fähigkeit, die europäischen Kollegen zu überzeugen. Wir glauben, dass die Pariser Regierung auf europäischer Ebene eine Lösung bewerkstelligen kann.
Frankreich war in der europäischen Landwirtschaftspolitik immer federführend, was intelligente Lösungen betrifft. Und diesmal muss halt noch eine gefunden werden. Bei einer negativen Entscheidung trifft Frankreich eine schwere Verantwortung.