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Welchen Nutzen hat China für Europa?

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Welchen Nutzen hat China für Europa?

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China. Reich der Mitte. Großer Sprung. Gelbe Gefahr. Es fallen einem reichlich Stereotype ein für die Volksrepublik, die am 1. Oktober 1949 von Mao Tse Dong ausgerufen wurde. 62 Jahre später, nach Kulturrevolution und niedergeschlagener Demokratiebewegung, hat Peking nicht nur den zeitweise von Taiwan besetzten Platz im UN-Sicherheitsrat erobert. Chinas größte Eroberungen im 21. Jahrhundert sind wirtschaftlicher Art.

Gibt es demnach jetzt eine gelbe Wirtschaftsgefahr?

Während sich Europäer und Amerikaner um ihre Staatsschulden sorgen, kauft China deren Schuldscheine. So ist China scheinbar über Nacht zum größten Gläubiger weltweit geworden.

Das erklärt denn auch, warum seinen Vertretern überall rote Teppiche ausgerollt werden. Mit seinen enormen finanziellen Mitteln kann das “Reich der Mitte” zum Retter in der Finanznot werden.

Das Bruttoinlandsprodukt wird inzwischen mit fast

6000 Milliarden Dollar angegeben. Das jährliche Wirtschaftswachstum mit 10% . Innerhalb von 30 Jahren ist der chinesische Anteil am weltweiten Export von einem auf 10 % gestiegen. Chinas Währungsreserven liegen bei 2800 Milliarden Dollar.

Da ist es ein Leichtes, kurz einmal 5,6 Milliarden in Spanien zu investieren oder 5 Milliarden in Portugal.

Wie hoch genau die Schulden in Euro sind, die die Chinesen aufgekauft haben, ist nicht leicht zu beziffern. Die “Financial Times Peking” nannte 2010 eine Summe von 630 Milliarden Euro, das wären 7%

der europäischen Schulden.

Warum sollte China der Eurozone helfen wollen?

Wohl vor allem, um sich dieser priviligierten Partnerschaft auch für die Zukunft zu versichern.

Europa ist und bleibt ein wichtiger Markt, auch dort momentan nicht alles so ganz rund läuft.

China, das Land, das soviele Arbeitskräfte hat wie kein anderes auf der Welt, wird in absehbarer Zeit auch die letzte westliche Wirtschaftsbastion stürmen. Für 2016 ist Chinas Aufnahme in die Welthandelsorganisation vorgesehen.

Angesichts der handelspolitischen Vorteile, die diese Mitgliedschaft bietet, darf man getrost mit einem weiteren chinesischen Wachstumsschub rechnen. Der wachsende Reichtum ist unübersehbar.

Schwerer einzuschätzen sind die sozialen Spannungen, die dieser Sprung in die Moderne mit sich bringt.

Robert Kuhn: “In China steht ein umfassender Führungswechsel bevor.”
 
Mit Chinas Nationalfeiertag beginnt gewöhnlich eine Periode von Feierlichkeiten, bei denen die Vergangenheit glorifiziert wird.
Wird das in diesem Jahr anders sein? Darüber sprechen wir mit Dr. Robert Laurence Kuhn, Autor des Buches “Wie Chinas Führer denken”.
 
euronews:
Man sieht wieder reichlich Fahnen und Feuerwerk in der sogenannten “goldenen Woche” in China.
Hat die Führung angesichts von neuen wirtschaftlichen Sorgen, Inflation und Schulden in diesem Jahr weniger Grund zum Feiern?
 
Robert Kuhn:
Wir befinden uns im Jahr des 18. Parteitages und diese Vorbereitungsperiode ist eine sehr sensible Zeit, besonders weil es einen Generationswechsel geben wird unmittelbar nach dem Parteitag. So ist diese Zeit in China ziemlich heikel, mit Blick auf den Führungswechsel. Der betrifft nicht nur den Mann an der Spitze sondern die gesamte Führungsgarde.
In diplomatischer Hinsicht dürfte 2011 ein besseres Jahr werden als 2010, das an der diplomatischen Front verhängnísvoll verlief. Die Inflation ist wirklich ein kritischer Punkt. China tut sich immer schwerer damit, die Inflation zu kontrollieren. Und dann gibt es Fragen zur Zuverlässigkeit der Zahlen, wie hoch ist nun wirklich die Inflationsrate?
Wie geht das Volk damit um? Das ist die Hauptsorge. Die Abkühlung der Wirtschaft ist für China nicht so schlecht, die Führung muss sich mehr Sorgen um die Inflation machen.
 
euronews:
China sorgt sich mehr um weiter entfernt liegende Dinge, hilft der EU sehr in der gegenwärtigen Schuldenkrise – signalisiert aber auch, dass es von Europa als Marktwirtschaft anerkannt werden möchte. Ist nun Zahltag? Können wir uns auf harte Verhandlungen einstellen beim China-EU-Handels-Gipfel im nächsten Monat?
 
Robert Kuhn:
Ich denke, China möchte anerkannt werden. Was in Europa abläuft ist für China entscheidend.
China hilft Europa im eigenen Interesse.
Denn es möchte, dass die Welt seine Wirtschaft als erfolgreich anerkennt. Natürlich kann es nicht alle Probleme in der Welt lösen und gelegentlich übertreibt der Rest der Welt auch den Einfluß Chinas, ob nun in positiver oder negativer Hinsicht.
Aber natürlich – wenn es um das weltweite Wachstum geht, wenn Sie da auf Chinas Wachstumsraten sehen, auch wenn die auf 9 Prozent heruntergegangen sind – das ist immer noch enorm verglichen mit den Vereinigten Staaten oder Europa.
 
euronews:
Es gibt Schwierigkeiten mit Europa, aber schwerer wiegt doch wohl Chinas komplexe Partnerschaft mit den USA. In den kommenden Tagen wird der Senat über ein Gesetz abstimmen zum harten Vorgehen gegen die aus amerikanischer Sicht unfairen chinesischen Währungspraktiken. Wird Peking sich dafür rächen?
 
Robert Kuhn:
Was ich befürchte, sind Rache oder aggressive Aktionen gegen China im kommenden Wahljahr, und zwar nicht nur von Seiten der Republikaner, auch Demokraten könnten so handeln. Das wäre aus meiner Sicht keine weise Entscheidung. Aber man könnte es in Washington für eine gute Politik halten. Wenn es so kommt – ich hoffe das ja nicht – dann wird sich China rächen. Aber sie werden es auf eine solche Weise tun, dass dadurch kein dauerhafter Schaden eintritt oder dass etwas eskalieren könnte. Rächen müssen sie sich, weil sie dem eigenen Volk gegenüber ihr Gesicht verlieren würden, wenn sie nicht so antworten würden.
Es wird aber keine harte Antwort werden.