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Ägyptens Kopten: "Die Toten haben wenigstens Ruhe"

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Ägyptens Kopten: "Die Toten haben wenigstens Ruhe"

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Die Begräbnisse wurden zu Protestkundgebungen. Viele koptische Christen in Ägypten sind traumatisiert -  bei Straßenkämpfen zwischen Christen, Soldaten und
muslimischen Schlägertrupps waren in Kairo mindestens 26 Menschen
getötet worden, darunter laut Polizisten und Ärzten 22 Kopten. 350 Verletzte wurden gezählt.
 
Zuvor war in Kairo eine zunächst friedliche Demonstration von etwa 2000 koptischen Christen gegen einen Brandanschlag radikaler Muslime auf eine Kirche im Süden des Landes in Gewalt umgeschlagen und eskaliert. Schlägertrupps hätten Steine auf die Menge geworfen, so Augenzeugen.
 
 
Marina Sobhi, koptisch-christliche Demonstrantin:
 
“Alles was ich weiß, ist, dass ich mein Vertrauen in alle Menschen verloren habe. Sagen Sie mir nichts über die Armee, über Ägypten, die Regierung oder über irgendwen sonst. Ich war dort, ich habe Schläge abgekriegt. Ich frage Gott, warum ich in diesen Zeiten lebe. Die Toten haben wenigstens jetzt Ruhe.”
 
  
Die EU rief die ägyptische Führung dringend zum Schutz der koptischen Christen auf.
Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte, die Regierungsverantwortlichen müssten ihre Bürger schützen, “wer auch immer sie sind, woher sie kommen oder welchen Glauben sie haben.”
 
Ende November soll in Ägypten das erste Parlament der Nach-Mubarak-Zeit gewählt werden – jede Verzögerung würde Misstrauen gegenüber dem regierenden Obersten Rat der Streitkräfte säen.
 
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Die koptischen Christen leiten ihre Herkunft von den Früh-Christen aus römischer Zeit her. Ihr Oberhaupt versteht sich als der 117. Nachfolger des heilgen Markus, der im 1. Jahrhundert als Märtyrer starb. Sie lebten also schon Jahrhunderte in Ägypten, als das Land im 7. Jahrhundert islamisiert wurde, länger also, als die heutige Mehrheitsbevölkerung.
6-8% Kopten, mehr als 90% Muslime – das ist Ägypten heute.
Eine junge Frau berichtet von Angriffen auf zwei koptische Kirchen im Mai. Sie beklagt, es gebe keinen Schutz, keine Sicherheit für Menschen ihrer Glaubensgemeinschaft. Sie könnten nur darauf hoffen, dass Gott sie schütze.
 
Das Jahr 2011 begann mit einem Attentat am Neujahrstag auf eine Kirche in Alexandria. 23 Tote.
Damals warfen die Kopten dem Mubarak-Regime vor, sie nicht vor den Angriffen der radikal-islamischen Salafisten zu schützen.
 
Als das Volk auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen Mubarak demonstrierte, waren auch Kopten dabei.
Zeichen der Verbrüderung waren zu sehen.
Für eine kurze Zeit keimte Hoffnung auf, es könne nun ein friedliches Nebeneinander der Religionen geben. Die Hoffnung erwies sich schnell als trügerisch. Schon drei Monate später sah man in Ägypten religiöse Symbole als Mittel politischer Auseinandersetzungen.
 
Der koptische Priester Boutros am Babola spricht von großen Erwartungen bei der Revolution im Januar. Nun aber hätten Salafisten und Moslembrüder die Revolution gestohlen und würden sie für ihre Zwecke mißbrauchen.
Sie wollten Ägypten zu einem religiösen Staat machen wie Afghanistan, Pakistan und Iran.
 
Die Diskriminierung, die die Kopten beklagen, zeigt sich im Alltagsleben, im Zugang zu öffentlichen Ämtern oder anderen gut bezahlten Jobs.
Sie zeigt sich aber auch im Bildungswesen, wo in Schulbüchern schlicht die Geschichte der Kopten als Nachfolger der alten Ägypter weggelassen wird.
 
Eine koptische Mutter meint, wenn alle Eltern ihren Kindern sagen würden, Muslime und Kopten sind Brüder, dann könnten wir in Frieden miteinander leben, wie wir es lange taten. Aber das sagen viele nicht mehr.
 
Das Mubarak-Regime nutzte die Minderheit der Kopten oft als Blitzableiter für eine Politik des “teile und herrsche”.
Die Revolutionäre von Tahrir-Platz haben ihr Konzept für eine gerechte Minderheitenpolitik noch nicht gefunden.
 
 
mit Reuters, afp