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Der Fall Dexia: Ende mit Schrecken oder Anfang einer neuen Krise?


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Der Fall Dexia: Ende mit Schrecken oder Anfang einer neuen Krise?

In der aktuellen Euro-Krise löst die Zerschlagung der Dexia-Bankengruppe ein Problem, stellt aber zugleich viele neue Fragen. Ist die Verstaatlichung dieses Finanzkonzerns nur ein Ende mit Schrecken oder bedeutet es den Anfang eines Schreckens ohne Ende für die gesamte Branche in Europa?

Denn die Rettung Dexias könnte der Startschuss für weitere Banken-Rettungspläne sein. Kommt es zu einem Schuldenschnitt Griechenlands, dann gibt es angeschlagene Banken genug. Besonders französische und italienische Institute sind wegen ihres starken Griechenland-Engagements betroffen.

Angesichts dessen drängen Regierungskreise in Deutschland darauf, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer zu forcieren. Dies wäre ein deutliches Signal, daß nicht nur der Steuerzahler, sondern auch der Bankensektor an den Kosten beteiligt werde, hieß es in Berlin.

euronews:
Dexia ist die erste bedeutende europäische Bank, die an der Euro-Schuldenkrise zugrunde geht. Wird es weitere geben? Das wollen wir jetzt wissen von Finanzanalyst Marc Touati in Paris. Welchen Banken droht das gleiche Schicksal wie Dexia?

Touati:
Im Moment besteht keine Gefahr. Wir sollten die Situation nicht überdramatisieren, schließlich ist Dexia seit Jahren angeschlagen. Die Zerschlagung hätte schon vor drei Jahren kommen sollen, wurde aber aus politischen Gründen vermieden. Heute KANN man sie nicht mehr vermeiden, denn Dexia hat zu viel Risikopapiere in ihren Büchern.
Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder man rettet die Eurozone, und es gibt keinen Domino-Effekt für französische oder europäische Banken – ode man lässt Griechenland den Offenbarungseid leisten, und dann sind die Banken in Frankreich und Europa in Gefahr.

euronews:
Die Banken leihen sich untereinander kein Geld mehr – aus Angst, es nicht zurückzubekommen. Wie lange kann das gutgehen?

Touati:
Die wahre Gefahr besteht in einem Teufelskreis, bei dem die Banken von Mißtrauen gepackt werden und die Politiker machtlos sind.
Die Politiker wissen nicht, ob sie Griechenland retten sollen oder nicht, wissen nicht, wie sie die Eurozone retten sollen. Und diese Unsicherheit sorgt bei den Banken für Spannungen. Sie fragen sich: wer ist der Nächste?
Man soll aber die Lage auch nicht zu sehr dramatisieren. Die Bilanzen der Banken sind besser als 2008. Die Gefahr heute ist, daß die Banken zu wenig Kredit geben, und das schadet der Konjunktur.

euronews:
Deutschland und Frankreich haben sich am Wochenende im Prinzip auf eine Rekapitalisierung der Banken verständigt. Ist das eine gute Nachricht?

Touati:
Wir warten ja seit Monaten auf konkrete Maßnahmen. Es gibt viele Ankündigungen und immer noch keine Entscheidungen, und das wird langsam gefährlich, für die Banken und für die Wirtschaft der Eurozone.
Denn wir befinden uns am Rand einer Rezession, und wenn wir den Banken nicht erlauben, mehr Kredite zu vergeben, dann wird diese Konjunkturflaute immer schlimmer. Und das heißt, größere Defizite und noch mehr staatliche Verschuldung, nicht nur in Griechenland, sondern in der ganzen Eurozone. Die Gefahr ist heute, daß die Politiker den Stier nicht bei den Hörnern packen.

euronews:
Droht uns eine Ansteckung der Realwirtschaft? Müssen Sparer um ihre Einlagen fürchten?

Touati:
Nein. Diese Gefahr sehe ich eindeutig nicht.
Wenn morgen die Eurozone explodiert, wird es Schwierigkeiten geben, aber das war´s dann auch.
Ich hoffe dennoch nicht, daß uns dieses Katastrophen-Szenario blüht.
Das Risiko für Sparer ist also sehr gering, aber nicht das für das wirtschaftliche Wachstum. Die Banken sind schon sehr zurückhaltend bei ihrer Kreditvergabe. Wenn das so weiter geht, gibt es Probleme für die Liquidität und für die Aktienkurse.
Denn noch weniger Kredite heißt noch weniger Wachstum, noch weniger Arbeitsplätze und also mehr Arbeitslosigkeit und noch mehr Defizite. Das ist das Risiko heute.

Jede Geschichte kann aus vielen Perspektiven erzählt werden. euronews Journalisten berichten in ihren Sprachen, mit ihrer Sicht der Dinge.

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