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Gérard Depardieu: "Die Ewigkeit kann warten!"

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Gérard Depardieu: "Die Ewigkeit kann warten!"

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Gérard Depardieu ist einer der ganz großen französischen Schauspieler. Ein internationaler Filmstar von großer Wandlungsfähigkeit, der sowohl in künstlerisch ambitionierten Filmen, als auch in Kassenschlagern überzeugt, ganz gleich, ob als Kolumbus, Graf von Montecristo oder Cyrano de Bergerac.
Auf dem jüngsten Filmfestival im französischen Lyon nahm der bereits mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnete Schauspieler den Prix Lumière entgegen, überreicht von Kollegin und Filmparterin Fanny Ardent.
 
euronews sprach mit Depardieu bei dieser Gelegenheit über seine eindrucksvolle Karriere.
 
euronews:
Herr Depardieu, sind Sie im Pantheon, im Allerheiligsten für Filmschauspieler angekommen? Sind Sie ein heiliges Monster, ein Superstar?
 
Gérard Depardieu:
Das weiß ich nicht. Ich hatte nie die Absicht, ein Superstar zu werden, wenn die Leute einen auf das Podest heben, sagt man nicht nein. Aber mir geht es um etwas anderes. Wichtig ist mir, und darum geht es auch auf dem Filmfestival hier in Lyon, Momente mit anderen zu teilen. Zum Beispiel auch Filme, in denen ich mitspiele. Es geht darum, gemeinsam mit dem Publikum Momente des Gefühls, der Gewalt oder auch der Unruhe zu teilen.
 
euronews:
Sie selbst zitieren Peter Handke, der sagt, als Schauspieler verbrennt man sein Leben.
 
Gérard Depardieu:
Wenn auf der Leinwand ein Teil des eigenen filmischen Schaffens an einem vorbeizieht, fühlt man sich in der Klemme. Angesichts all dieser emotionsgeladenen Momente in jedem einzelnen Film ist man überwältigt und sagt sich, das ist einfach zu viel.
Ich drehe derzeit einen Film, in dem ich einen Helden spiele, dem noch aus dem ersten Weltkrieg eine Kugel im Schädel steckt. Die Handlung spielt während des Zweiten Weltkriegs. Der Tod eines deutschen Soldaten führt zu einer Strafaktion, wie das damals eben so war, 20 Geiseln werden verlangt. Und die Leute in dem kleinen Dorf versuchen, Ipu, den Mann mit der Kugel im Kopf, dazu zu überreden, sich zu stellen. Er sagt: einverstanden! Aber vorher will ich meine Begräbnisfeier erleben und die Heldenstatue sehen, die man mir zu Ehren errichten wird.
So ähnlich fühle ich mich, wenn ich meine Filme sehe. Vor mir steht das, was ich erreicht habe. Aber nur ich allein spüre die Konsequenzen.
 
euronews:
Sie sprechen von einem rumänischen Film, den Sie gemeinsam mit Harvey Keitel in Rumänien und Belgien drehen. Wie denken Sie über das europäische Kino?
 
Gérard Depardieu:
Leider gibt es nicht genug Vertriebsmöglichkeiten, die nationalen Fernsehanstalten werden ihrer Aufgabe nicht gerecht und denken nur an die Einschaltquoten. Alle machen dieselben Fehler, investieren lieber in neue Sender, dabei gibt es schon so viele.
Jede Woche kommen 20 neue Filme in die Kinos. Angesichts dieser Masse kommen die Verleiher nicht mehr hinterher. Sie wählen den Film, der am meisten einbringt. Das ist wie im Supermarkt, es geht um den Absatz, das ist schade. Deswegen muss es mehr Ereignisse rund um das Kino geben, um das Publikum anzulocken.”
 
euronews:
Sie sind ein Schauspieler, dessen Aura weit über die Grenzen Frankreichs hinausreicht. Sie haben mit Bertolucci in Italien gedreht, mit Ridley Scott. Demnächst verkörpern Sie Rasputin. Haben Sie eine europäische Seele?
 
Gérard Depardieu:
Absolut. Jedes Land hat seine Geschichte und Kultur, und genau das interessiert mich, da möchte ich mich hineinknien. Als Zuschauer will man sich im Kino mit Helden identifizieren. Mir geht das genau so. Ich suche nach Figuren, mit denen sich der Zuschauer, den ich über alles schätze, identifizieren kann. Und ich versuche, eine wenig Zeit mit dieser Figur zu verbringen.
 
euronews:
Sie kommen aus einfachen, beinah proletarischen Verhältnissen, aus Chateauroux, einer Kleinstadt mitten in Frankreich. Wie sehen Sie auf ihre Karriere zurück, sind Sie ein Self-made-man?
 
Gérard Depardieu
Überhaupt nicht, ich habe nie irgend etwas in der Art angestrebt. Meine große Chance war, dass ich keine Ambitionen hatte. Mein ganzer Ehrgeiz bestand darin, andere zu beobachten und damit zu spielen, mich von dem Leid und der Freude der anderen überwältigen zu lassen. Diese Liebe zu anderen war mein Antrieb. Das ganze Gegenteil von Bulimie. Wer andere verschluckt, geht daran zu Grunde. Ich werde genau so sterben, wie ich gelebt habe, immer den anderen zugewandt. So ähnlich wie Guillaume de Maréchal, der gute Ritter. Nach dessen Tod versuchten die Menschen, einen Fetzen von seinen Kleidern zu ergattern, als Erinnerung an ihn. Zum Glück gibt es den Tod. Die Ewigkeit kann warten.