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Schweizer Sorgen in der Euro-Krise

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Schweizer Sorgen in der Euro-Krise

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euronews: Aus Genf ist uns jetzt Anne-Frederic Widmann vom Schweizer Fernsehen zugeschaltet. Das Thema Krise hat erst spät Eingang in den Wahlkampf gefunden. Warum eigentlich?

Widmann: Stellen Sie sich vor, diese hundert Euro hier waren noch vor 18 Monaten 150 Franken wert, und im vergangenen Sommer wurde fast die Parität erreicht, also 100 Euro für 100 Franken. Die Schweizerische Nationalbank reagierte sofort und legte einen Mindestkurs fest von einem Franken 20 für einen Euro.

Das hat dann den Ton des Wahlkampfes geändert.

Seitdem ist die Wirtschafts- und Finanzkrise das wichtigste Thema für die Schweizer Wähler.

euronews: Der starke Franken ist doch ein Zeichen für die Stärke der Schweizer Wirtschaft. Warum beunruhigt das die Wähler jetzt?

Widmann: Es stimmt schon, daß der starke Franken ein Zeichen der guten Wirtschaftsverfassung ist, und es gibt auch Vorteile. Viele Schweizer kaufen Autos jenseits der Grenze zum Teil für 10.000 Euro weniger als daheim. Und sie machen ihre Wocheneinkäufe in Deutschland oder Frankreich.

Gleichzeitig spüren die Schweizer aber auch die direkten Folgen der Euro-Krise. Betroffen sind vor allem der Tourismus, die Banken und die Exportwirtschaft. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, mußten Schweizer Firmen geringere Margen in Kauf nehmen.

Sie haben das zum Teil ausgeglichen durch ungewöhnliche Maßnahmen wie längere Arbeitszeiten für Angestellte bei gleichem Lohn. In grenznahen Gebieten wurden die Menschen manchmal in Euro bezahlt. Und natürlich ging das Gespenst der Entlassungen und Produktionsverlagerung ins Ausland um.

Das ist aber noch nicht Wirklichkeit geworden. Die Arbeitslosigkeit dürfte im nächsten Jahr bei 3,4 Prozent liegen, das ist im europäischen Vergleich ein hervorragender Schnitt. Aber die Aussichten der Schweizer sind nicht länger rosig.

euronews: Sie haben den Euro angesprochen. Laut Umfragen will gerade mal jeder fünfte Schweizer den Beitritt zur EU. Und noch weniger wollen den Euro einführen. Haben die Schwizer davor Angst?

Widmann: Natürlich haben sie Angst. Sie fürchten, daß die Euro-Krise einen negativen Effekt auf die Schweiz haben könnte. Und sie sehen, daß die europäische Integration an Attraktivität verliert.

Mit Schweizer Augen gesehen wirkt Brüssel wie ein Klotz, die EU scheint schlecht geführt zu sein. Sie sehen nicht mögliche Vorteile eines EU-Beitritts, sondern vor allem die Nachteile: Einschränkungen bei ihrer Neutralität, bei ihrer direkten Demokratie, bei ihrer Souveränität.

Dagegen betrachten sie die bislang irgendwie doch zwangsläufige europäische Integration als inzwischen absolut nicht wünschenswert. Im vergangenen Jahr war lediglich die national-konservative Volkspartei SVP, immerhin die stärkste politische Kraft, gegen einen EU-Beitritt.

Inzwischen ist auch die liberale FDP dagegen. Heute

gibt es keinen einzigen Kandidaten mehr, ob links oder rechts, der die europäische Integration verteidigt.

euronews: Anne-Frederic Widmann, vielen Dank. Wir sehen, daß die Schweiz ein Stabilitätsanker in Europa bleibt, daß aber die Euro-Krise auch die Schweizer Bürger beunruhigt.