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Tunesien wählt verfassunggebende Versammlung

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Tunesien wählt verfassunggebende Versammlung

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Es ist ein historischer Moment für die Tunesier. Vor zehn Monaten hat ihre Jasmin-Revolution den sogenannten “Arabischen Frühling” ausgelöst. Jetzt wählen sie. Sie wählen eine Versammlung, die eine neue Verfassung ausarbeiten soll – für ein neues Tunesien. Ein Sprung ins Ungewisse. Die ersten freien Wahlen.

Es begann mit einer Selbstverbrennung im Dezember 2010. Ein junger, völlig verarmter Gemüsehändler in Sidi Bouzid sah den Selbstmord als einzigen Ausweg aus seiner verzweifelten Lage. Seine Tat löste überall im Land Demonstrationen aus. Bald forderten die Menschen den Rücktritt des langjährigen Diktators Ben Ali. Ein Volksaufstand, der so groß wurde, dass Ben Ali schließlich aufgab. Am 14. Januar floh er nach Saudi-Arabien – und entließ sein Volk in eine ungewisse Zukunft.

Die folgenden Monate waren schwierig. Da war die Angst vor einem möglichen Militär-Putsch. Und die Erinnerung an 23 Jahre Diktatur. Eigentlich hätten die Wahlen schon im Juli stattfinden sollen. Aber die Zeit war zu knapp. Auch, um alle Tunesier mit den notwendigen Wahlzetteln zu versorgen – Wahlzetteln, die verwirren.

11.000 Kandidaten stehen zur Wahl, von über 100 Parteien. Diesen 6 werden die größten Chancen eingeräumt. Die islamistische Ennahda, die unter Ben Ali verboten war. Die demokratisch-progressive PDP., die als einzige Partei von einer Frau geführt wird. Und dann das “linke Lager”: die sozialistische Ettakatol, die ehemaligen Kommunisten und die CPR, deren Chef erst im Januar aus dem Exil zurück kam. Auch die kommunistische Arbeiterpartei PCOT hat in Tunesien viele Anhänger.

Umfragen sehen jedoch Rached Ghannouchi vorne, den Chef der islamistischen Ennahda. Ghannouchi verspricht einen “gemäßigten Islamismus”, was viele jedoch bezweifeln. Deshalb könnte es für ihn schwierig werden, Koalitionspartner zu finden.

Die verfassungsgebende Versammlung soll eine Interims-Regierung stellen, dem Land eine neue Verfassung geben und Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vorbereiten.

Und das alles innerhalb eines Jahres und unter schwierigen Vorzeichen. Die tunesische Wirtschaft ist nach der Revolution in eine Rezession gestürzt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent – unter den Jugendlichen sogar bei 25.

Nicht nur die arabische Welt schaut an diesem Wochenende gespannt auf die ersten freien Wahlen in Tunesien. Das Ursprungsland des “Arabischen Frühlings” – es steht unter einem enormen Erfolgsdruck.