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Welche Scharia bekommt Libyen?

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Welche Scharia bekommt Libyen?

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Für Euronews sprach Laurence Alexandrowicz mit Eric Chaumont (CNRS France) über die Einführung der Scharia in Libyen.

Laurence Alexandrowicz, euronews:
“Über das islamische Recht der Scharia möchte ich nun mit dem Islamwissenschaftler Eric Chaumont sprechen, Guten Tag Herr Chaumont!
Die neue libyschen Behörden haben angekündigt, die Scharia einführen zu wollen. Können Sie uns in wenigen Worten erklären, was das bedeutet?”

Eric Chaumont:
“Nun da gibt es zunächst viele Missverständnisse, was die Scharia eigentlich ist. Ich denke, man muss sich die Scharia als Wegweiser vorstellen, sie ist aber auch das Gesetz, das Gott den Muslimen im Koran offenbart hat.
Die reine Scharia ist noch nirgendwo auf der Welt als Gesetz erlassen worden. Dort wo es der Fall war, hat man ein von der Scharia abgeleitetes sogenanntes “muslimisches Recht” erlassen, das, El-Fiqh. Dies wird aber überall anders interpretiert.”

euronews:
“Erwarten Sie eine eher konservativ ausgelegte Scharia wie in Saudi-Arabien?”

Eric Chaumont:
Sicher nicht! Das saudische Recht wird als “hambalitisch” bezeichnet, das ist eine der vier Schulen zur Auslegung der Scharia, außerdem ist es die strengste von allen. Libyen gehört aber der “malikitischen” Schule an, das ist eine moderatere Variante.

euronews:
“Ist das islamische Recht eine Bedrohung für die Gleichberechtigung der Frau?”

Eric Chaumont:
Westlichem Verständnis zufolge: ja. Das muslimische Recht ist für Frauen hinsichtlich persönlicher Freiheiten, Erbrecht, etc nicht gerade günstig. Generell ist es ein Regelwerk, das die Frau stets dem Mann unterwirft.”

euronews:
“Ist die Einführung der Scharia ein echter Bruch mit dem Regime Gaddafis? Es hat sie doch auch damals schon gegeben, oder?”

Eric Chaumont:
Ich glaube nicht, das sich die libyschen Behörden gesagt haben: So, nun führen wir die Scharia ein. Sie soll ja in der neuen Verfassung lediglich als eine Quelle des künftigen Rechtsverständnisses dienen. Das ist der Unterschied: das heißt nicht, das die Scharia als Gesetz eingeführt wird. Ich möchte das mit Ägypten vergleichen: auch dort war die Scharia schon unter Saddat als eine Quelle der Rechtsauslegung in der Verfassung verankert.
Das hat sich dann dahingehend entwickelt, dass die Scharia irgendwann die einzige Quelle des Gesetzes wurde. Tatsächlich aber hat die Scharia die konkrete Rechtsprechung weniger beeinflusst, als man annimmt. Letztlich liegt der Code Napoleon dem ägyptischen Recht zugrunde.

euronews:
“Auch Tunesien hat in ersten freien Wahlen Islamisten gewählt. Müssen wir jetzt für alle Länder der arabischen Revolution ein “iranisches Szenario” fürchten?”

Eric Chaumont:
Ein iranisches Szenario sicher nicht. Dies aus zwei Gründen: erstens ist die iranische Revolution kein Vorbild, dem irgendjemand in der arabischen oder muslimischen Welt nacheifern wird – zweitens dürfen wir nicht vergessen, das der Iran ein schiitisches Land ist. Und was die Sunniten von den Schiiten unterscheidet, ist auch im wesentlichen die Politik. Daher ist ein iranisches Szenario sehr unwahrscheinlich.”

> Scharia nun auch in Libyen- was bedeutet das?