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Experte Robert Lawrence Kuhn zur chinesischen Euro-Hilfe

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Experte Robert Lawrence Kuhn zur chinesischen Euro-Hilfe

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Seamus Kearney:

Lassen Sie uns herausfinden, wie man in China über die Hilfen für den Euro denkt.

Dazu sprechen wir mit Robert Lawrence Kuhn, unserem China-Experten in Peking.

Die Frage ist: Wird China nun eine bedeutende Cash-Kuh für Europa?

Robert Lawrence Kuhn:

Wenn Sie das den Leuten sagen, werden die sehr wütend werden. Sie sind der Meinung, dass sie drei Jahrzehnte lang sehr hart gearbeitet haben. Und wenn die politische Führung ihr Geld nun für Forderungsausfälle verschleudert, würden sie sehr sauer werden.

Aber Spaß beiseite. Die chinesische Führung nimmt sehr ernst, was in Europa passiert. Aus mehreren Gründen. Erstens ist die chinesische Wirtschaft sehr zerbrechlich und die ganze Welt hängt von Europa ab. Auch China. Zweitens weiß die chinesische Führung, dass Europa einer seiner wichtigsten Märkte ist. Die Exporte machen einen bedeutenden Teil der chinesischen Wirtschaft aus – also ist das ganz wesentlich. Und drittens sieht China die Welt als multipolare Entität. Europa wird dafür gebraucht, um zu den USA und Russland einen Gegenpol zu bilden, und daran will auch China teilhaben. Aus all diesen Gründen ist Europa äußerst wichtig für China und ich denke, dass das auch gut für die Welt ist.

Seamus Kearney:

Sprechen wir über einen großen Beitrag? Wieviel Geld wird von China kommen?

Robert Lawrence Kuhn:

China ist sehr umsichtig bei dem, was es tut. Es wird nicht in Schulden eines einzelnen Landes investieren. Es wird mit anderen Ländern der G20 und vor allem des IWF zusammenarbeiten wollen. Es gibt also eine internationale Herangehensweise, an der China teilhaben will. Und die Führung will ein Signal aussenden, dass sie Europa unterstützt. China tut das nicht, ohne im Gegenzug etwas dafür zu erwarten. Das ist nicht notwendigerweise eine direkte Gegenleistung, denn Europa ist natürlich ein wichtiges Gut, dass man schützen muss. Sondern eine Anerkennung dafür, was aus China geworden ist.

Das wird eine größere Beteiligung im IWF bedeuten, was Stimmrechte betrifft. Es wird die Anerkennung Chinas als Marktwirtschaft bedeuten, was sehr umstritten ist. Und es wird bedeuten, die europäischen Märkte für weitere chinesische Investitionen zu öffnen. China hat bis zu einem gewissen Grad das Gefühl, dass es auf einigen Gebieten ausgeschlossen wird. So wie wir das Gefühl haben, dass der chinesische Markt ausländische Unternehmen oft unvorteilhaft behandelt.

Seamus Kearney:

Aber hat das chinesische Volk mit all diesen Bedenken auch ein Mitspracherecht, wenn diese Entscheidungen über die Hilfen getroffen werden?

Robert Lawrence Kuhn:

Die Menschen haben eine sehr starke Stimme. Es ist keine Stimme, mit der sie wählen oder politisch Einfluss nehmen können. Aber es gibt etwas in der chinesischen Gesellschaft von heute, was das Internet betrifft, was Handys betrifft – es gibt 900 Millionen Handys. Hier passiert nichts, ohne dass es jemand fotografiert und auf eine Webseite stellt. Und es gibt einen stark ausgeprägten Nationalismus. Sie wollen nicht, dass ihre Führung etwas tut, was China oder der Arbeit, die sie hier verrichtet haben, schadet. Deshalb passen sie sehr gut auf.

Seamus Kearney:

Europa wurde in der Vergangenheit dafür kritisiert, dass es keinen Plan B für Krisenzeiten habe. Glauben Sie, dass China einen Plan B hat? Ist es schlau genug, um sicherzugehen, dass es aus all dem heil herauskommt?

Robert Lawrence Kuhn:

Das ist sehr schwierig. Die Chinesen planen auf mehreren Ebenen, aber sie sind sehr besorgt. Sie haben 2008 das Stimuluspaket eingebracht – damit waren sie sehr schnell, schneller als jedes andere Land. Und auch der Prozentsatz im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt war der höchste. Sie hatten einfach Sorge, dass dutzende Millionen Menschen ihren Job verlieren und auf den Straßen demonstrieren. Davor haben sie große Angst. Und Sie wissen, dass China eine sehr bedeutende Polizei und Paramilitärs hat, um Chaos im Land zu verhindern. Die würden auch eingesetzt, denn das wäre noch das geringere Übel, wenn der wirtschaftliche Niedergang droht. Aber damit rechnet niemand. Jeder weiß, dass es Probleme gibt, aber dass China selbstständiger werden kann, und das versucht die Führung gerade. Sie versucht, den Konsum im Inland anzukurbeln, damit China nicht so sehr von Exporten und davon abhängt, was in Europa passiert. In zehn Jahren, wenn die chinesische Wirtschaft robuster geworden ist, was den Konsum im Inland betrifft, ist China wahrscheinlich weniger bereit, Europa aus der Patsche zu helfen. Für Europa ist es also möglicherweise die letzte Chance, sein Haus mit chinesischer Unterstützung in Ordnung zu bringen.

Seamus Kearney:

Robert Lawrence Kuhn, Autor des Buchs “Wie Chinas Führung denkt” – Vielen Dank.