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Tunesien nach der ersten freien Wahl

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Tunesien nach der ersten freien Wahl

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Es ist ruhig in Tunis, eben Alltag, so wenige Tage nach den ersten freien Wahlen, bei denen die islamische Partei “ Ennahda” mit 41 % eine klare Mehrheit bekam.

Der auf der Straße von europäischen Reportern angesprochene junge Mann betont, zum ersten Mal in seinem Leben habe er für die Partei gestimmt, die er selber wollte.

Die junge Frau an seiner Seite ist einerseits froh, aber auch beunruhigt. Sie fragt:“Was wird mit der Bildung, der Arbeit und vor allem der Freiheit für die Frauen?”

Der Präsident des Europa-Parlaments, der Pole Jerzy Bezek, hat mit Politikern aller nun wichtigen Parteien Tunesiens gesprochen. Auch mit Jabali Hamadi, der Nummer 2 in der “Ennahda”.

Hamadi gilt als das “moderate” Gesicht der Partei.

Unter Ben Ali sass er zwei Jahre im Gefängnis und jetzt ist er der Kandidat für den Posten des Regierungschefs.

Seine Botschaft an Europa lautet:

“Der Staat muss ein Rechtsstaat werden mit einer Zivilgesellschaft, wo alle Bürger ihre Rechte wiederfinden. Egal, aus welcher politischen Richtung sie kommen. So ein Staat ist der Garant für die Freiheit des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Ein Staat auf der Grundlage unabhängiger Institutionen.”

Botschafter ADRIANUS KOETSENRUIJTER hat als Chef der EU-Delegation die jüngste Entwicklung in Tunesien aus nächster Nähe beobachtet. Er sagt:

“Der große Unterschied besteht darin, dass dies jetzt ein freies Land ist, was ich in den vergangenen neun Monaten beobachten konnte.

Wir können mit viel mehr Leuten reden, mit Vereinigungen, politischen Führern, so wie wir es vorher nicht konnten. Es ist in mehrfacher Weise wie eine neue Freiheit in unseren Beziehungen, auch für die Europäer.”

Bei seiner Pressekonferenz sprach Jerzy Buzek von einem möglicherweise neuen Model islamischer Demokratie. Der Wahlsieger, die islamische Partei mit dem Namen “Wiedergeburt”, interessiert sich für eine Zusammenarbeit mit den christ-demokratischen Parteien in der EU.

Buzek wörtlich: “Wir , die Europäische Union, wir brauchen slch eine Erfolgsgeschichte. Tunesien kann der Ort werden, an dem von dem aus unsere Zusammenarbeit mit arabischen Ländern in naher Zukunft gute Resultate bringt.”

In Tunesien wird jetzt über die Bildung einer Koalitionsregierung verhandelt, in die die nach Ennahda stärksten Parteien eingebunden werden sollen und wollen. Die Politiker wissen schon, dass ihnen das Volk auf die Finger sieht.

Dieser “Mann auf der Straße” sagt ganz klar, beim gegenwärtigen Auftreten von Ennahda habe er kein Problem, keine Angst vor aufkommendem Islamismus. Wenn es so auf moderate Weise weitergehe.

Auch die nach ihm befragte junge Frau zeigt sich hoffnungsvoll, Angst hat keine sie keine, sie meint, Tunesien werde ein offenes Land am Mittermeer bleiben. Sie denkt über Identität nach, wie Souveränität gewähleistet wird, denn man brauche beides. Das werde sich jetzt nach und nach ausprägen.

“Welche Fragen auch immer Europa stellt, die Wahlergebnisse haben neue Debatten angestossen. Wie es aussieht, lasse sich die Öffentlichkeit nicht mehr so leicht täuschen.”

Valérie Gauriat , Tunis, euronews