Eilmeldung

Eilmeldung

"Wir riefen Arbeitskräfte - es kamen Menschen."

Sie lesen gerade:

"Wir riefen Arbeitskräfte - es kamen Menschen."

Schriftgrösse Aa Aa

Ibrahim Esen ist heute Rentner. in Deutschland. Als 24jähriger kam er vor 42 Jahren. Wollte schnell Geld verdienen für ein besseres Leben daheim.

Ibrahim erinnert sicht gut an den Kulturschock zu Beginn, wenn er erzählt, wie er sich damals fühlte:

“Wo soll ich dann wohnen, wie kann ich einkaufen, ich muss ja auch alleine leben, wie kann ich kochen, was essen? Erst einmal Sprachschwierigkeiten und anderes Kultur .”

Ibrahim war einer der rund 710.000 Türken, die zwischen 1961 und 1973 angeworben wurden, als für das bundesdeutsche “Wirtschaftswunder” billige Arbeitskräfte gebraucht wurden. Später kam die Familie nach. Seine Frau beantwortet die Reporterfragen auf Türkisch: “Ich fühle mich hier nicht fremd. Ich habe deutsche Nachbarn und auch Freunde. Wir kochen zusammen, unternehmen viel zusammen und verstehen uns gut.

Ibrahim Esen hat sich für den deutschen Paß entschieden. Da die Bundesrepublik Deutschland in ihrem Grundgesetzt keine doppelte Staatsbürgerschaft verankert hat, hiess das bisher:

den türkischen Paß abgeben. Was die Entscheidung auch für intergrationswillige Türken oft sehr schwer machte. Deshalb haben sich von den rund 2,5 Millionen Menschen türkischer Abstammung, die in Deutschland leben, bisher nur 700.000 für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden.

Einer davon ist der Unternehmer Sabahattin Sari, der seit 30 Jahren in Berlin lebt. Sein Kommentar zum Thema Integration: “Ein Integration heisst für mich gegenseitiges Akzeptanz. Ohne dass ich auf meine Heimatsprache verzichten muss, ohne dass ich auf meinen Religion verzichten muss, ohne dass ich meinen Kultur verzichten muss. Warum soll ich meine Identität abgeben, um mich hier in Deutschland zu integrieren? Das würde auch nicht ´ Íntegration´ heissen sondersn ´Assimilation´.”

Die übergroße Mehrheit der heute in Deutschland leben jungen Türken sind in diesem Land geboten und aufgewachsen. Ihr Grad der Integration hängt zumeist mit Bildung und gesellschaftlichem Aufstieg zusammen. Fußballstar Özil ist ein gutes Beispiel. Dass so viele der türkischen jungen Männer sich im Gegensatz zu den gleichaltrigen Frauen zuerst ihr “Türkentum” betonen, hat mit der wirtschaftlichen Lage in Deutschland zu tun.

Was das gegenseitige Verstehen anbelangt, da hat der Ex-Politiker Thilo Sarrazin mit seinem Buch “Deutschland schafft sich ab” eher Schaden angerichtet.

Vor 50 Jahren kam der erste Gastarbeiterzug aus der Türkei in München an. Viele Jahre später erkannte man in Deutschland: “Wir riefen Arbeitskräfte – aber es kamen Menschen.”

Die Anwerbung wurde unter Bundeskanzler Schmidt in der ersten Ölkrise gestoppt. Aber da war schon geschehen, was die Erfinder des Wortes “Gastarbeiter” nicht bedacht hatten:

Die Gäste wollten bleiben. Wollten Mitbürger werden.