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Sollte Athen die Eurozone verlassen?

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Sollte Athen die Eurozone verlassen?

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Der Euro zittert, er verliert kräftig zum Dollar und die Aktienmärkte sacken immer wieder tief ins Minus. Die Finanzmärkte treiben Italien vor sich her. Selbst eine Veränderung in der Regierung in Rom ändere nichts an den massiven finanziellen Problemen des Landes, hieß es. Die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen stieg Mitte der Woche erstmals seit Einführung des Euro über die kritische Marke von sieben Prozent. Noch schlimmer steht es um Griechenland: Die Schulden sind riesig, das politische Chaos war tagelang kaum zu überbieten. Seit dem G20-Treffen in Cannes ist ein möglicher Ausstieg oder Ausschluss Athens aus der Eurozone oder gar der Europäischen Union offiziell nichts Unaussprechliches, Undenkbares mehr. Ende Oktober beschlossen die EU-Staats- und Regierungschefs das bislang dickste Paket zur Eindämmung der Krise, doch der nächste Gipfel im Dezember wird mit Sicherheit erneut ein Krisengipfel.

Hans-Werner Sinn ist ein international rennomierter Ökonom und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Er ist Autor mehrerer Sachbücher zu wirtschaftspolitischen Fragen und plädierte bereits sehr früh für eine Umschuldung Griechenlands. Rudolf Herbert sprach mit Professor Sinn in Brüssel, wo er im Rahmen eines Wirtschaftsforums eine Konferenz hielt.

Euronews:

“Herr Professor Sinn, in den letzten Tagen ist die Rendite für die italienischen Staatsanleihen stark gestiegen. Hat Italien ein Glaubwürdigkeitsproblem oder ein Schuldenproblem?”

Hans-Werner Sinn:

“Beides. Italien hat den Zinsvorteil, den der Euro ja gebracht hat – man ist auf das deutsche Zinsniveau runtergekommen und auch die deutschen Zinsen waren ja unter dem Euro gefallen – nicht ausgenutzt, um zu sparen. Hätten sie das getan, dann hätten sie fast keine Staatsschulden mehr. Sondern sie haben das praktisch verbraucht im normalen Budget. Und heute sind die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt genauso hoch wie vorher. Die Situation ist aber schlimmer als vorher, weil man ja nicht mehr abwerten kann.”

Euronews:

“Was müsste Italien eigentlich tun?”

Hans-Werner Sinn:

“Italien muss seine Gläubiger überzeugen, dass es in der Lage sien wird, die Schulden zurückzuzahlen – und das geht nur, indem es anfängt zu sparen: Es muss aufhören Defizite zu machen und muss Überschüsse entwickeln und das muss eher heute als morgen passieren.”

Euronews:

“Die sechste Hilfstranche für Griechenland ist noch nicht ausbezahlt, beschlossen ist aber bereits ein Schuldenschnitt. Auch ist festgelegt worden, dass Griechenland ein zweites Hilfspaket bekommen soll. Müsste man jetzt auch schon den nächsten Schuldenschnitt vornehmen?”

Hans-Werner Sinn:

“Das Problem in Griechenland ist ja nicht mit Schuldenschnitten zu lösen. Griechenland ist zu teuer. Griechenland müsste letzlich um 44 Prozent abwerten – wenn es das könnte -, um auf das türkische Preisniveau zu kommen. Das ist die bittere Wahrheit und das ist eine so große Abwertung, dass das im Euroraum, durch eine zurückhaltende Entwicklung der Inflation im Vergleich zu Deutschland, praktisch nicht herstellbar ist. Hier liegt das Kernproblem. Griechenland ist nicht wettwerberbsfähig. Es ist zu teuer geworden durch den billigen Kreditfluss, der unter dem Euro zustande kam und jetzt weiß man nicht mehr, wie man da raus kommen soll.”

Euronews:

“Ist Griechenland überhaupt noch mit dem Brüsseler Programm zu retten?”

Hans-Werner Sinn:

“Nein.”

Euronews:

“Was würden Sie empfehlen, den Griechen, Griechenland?”

Hans-Werner Sinn:

“Es gibt für meinen Begriffe für Griechenland nur einen einzigen Weg: Ein temporärer Austritt aus der Eurozone, abwerten, bis man wettberwerbsfähig wird, die Außenschulden auch in Drachme umwandeln, und diese Schulden mitabwerten. Dadurch kann man die Bilanzen der Banken und auch des Realsektors einigermaßen in Takt halten. Alles andere – eine solche Abwertung im Euroraum – durch Senkung der Löhne und Preise in einem entsprechenden Umfang hinzubringen, ist nicht möglich. Die Gewerkschaften würden sich verweigern, wir hätten praktisch bürgerkriegsähnliche Zustände.”

Euronews:

“Käme es zu dem befürchteten Domino-Effekt?”

Hans-Werner Sinn:

“Also wenn Griechenland drinbleibt, kommt es in jedem Fall zu einem Domino-Effekt, insofern als es dann irrsinnig viel Geld kostet für die Staatengemeinschaft, Griechenland zu retten. Dann muss auch das nächste Land gerettet werden, dann muss Portugal genauso gerettet werden und dann verlassen sich zum Schluss die Italiener auch darauf. Das führt zu gar nichts, das führt zu einer dauerhaften Perpetuierung der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit und zu unermeßlich hohen Lasten, die niemand bereit ist zu tragen.”

Euronews:

“Besteht die Gefahr, dass die Eurozone schrumpft oder sogar zusammenbricht?”

Hans-Werner Sinn:

“Dass die Eurozone zusammenbricht, als Gefahr, steht ja im Raum, das weiß ja jeder. Wir hoffen alle, dass das nicht passiert und dass man noch einen Weg findet, das zu verhindern.”