Eilmeldung

Eilmeldung

Interview mit Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies

Sie lesen gerade:

Interview mit Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies

Schriftgrösse Aa Aa

Stefan Grobe, euronews: Aus Brüssel ist uns jetzt Daniel Gros zugeschaltet, Direktor des Centre for European Policy Studies. Herr Gros, setzen Sie uns doch einmal ins Bild. Italiens Renditen haben eine Höhe erreicht, durch die die Verschuldung praktisch nicht mehr refinanzierbar ist. Wie geht´s jetzt weiter? Reicht das angekündigte Reformprogramm Roms noch aus, um die Glaubwürdigkeit wieder herzustellen?

Daniel Gros: Ja und nein, kann man darauf nur antworten. Es kommt bei Italien nicht darauf an, ob nun dieses angekündigte Programm auch eins zu eins umgesetzt wird, sondern ob das Land wirklich auch dahinter steht. Wenn also das Programm durchgesetzt wird, von einem Parlament mit knapper Mehrheit gebilligt wird, aber die Sozialpartner zu keinen weiteren Zugeständnissen bereit sind, dann wird es nicht reichen. Wenn sich dagegen eine überwältigende Mehrheit findet, wenn die Gewerkschaften sagen, wir tragen auch etwas dazu bei, dann wird es durchaus reichen. Und dann könnte die Situation auch schnell beendet werden.

Stefan Grobe, euronews: Sie haben einmal gesagt, der Euro stehe und falle mit Italien. Jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt. Kann der Euro überleben, möglicherweise ohne Italien und Griechenland?

Daniel Gros: Der Euro kann sicher ohne Griechenland überleben, ohne Italien nicht. Denn wenn Italien ausfällt, dann fällt sicher auch Spanien, Portugal oder andere Länder aus, und dann wird sicher auch Frankreich wackeln. Wenn Italien ausfällt, ist das das Ende des Euros, vielleicht auch das Ende der europäischen Integration. Italien hält den Schlüssel zum Euro, das ist ganz klar.

Stefan Grobe, euronews: Was können denn die Lenker der Eurozone tun? Sie selbst haben Vorschläge vorgelegt, etwa einen Europäischen Währungsfonds. Ist das jetzt überhaupt noch machbar?

Daniel Gros: Der Europäische Währungsfonds, wenn er denn existiert hätte, hätte sicher das Problem Griechenland, Portugal und auch Irland abfangen und auch eindämmen können. Aber jetzt sind wir über diesen Punkt hinaus, jetzt geht es nicht mehr um den Europäischen Währungsfonds, sondern jetzt geht es darum, wer lenkt eigentlich die Geschicke des Euro? Ist es Berlin, ist es das politische Deutschland mit seiner Fiskalkraft? Oder ist es die Europäische Zentralbank? Zur Zeit steuern wir immer mehr auf eine Situation hinaus, wo wirklich nur noch das Eingreifen der EZB die Sache umlenken kann, denn es ist ganz klar, auch der deutsche Steuerzahler kann nicht für Italien bezahlen, und deswegen hilft vielleicht nur noch die EZB.

Stefan Grobe, euronews: Lassen Sie uns da noch einmal weitermachen: In den USA hat in der Schuldensituation die Federal Reserve, also die Notenbank, bislang das Schlimmste verhindert. Wir haben die EZB, aber über deren Rolle gibt es Streit. Müsste nicht die EZB mit unbegrenzter Feuerkraft ausgestattet werden, um die Finanzmärkte in Schach zu halten?

Daniel Gros: Die EZB hat ein Problem, was die Federal Reserve nicht hat: Sie beruht immer noch auf nationalen Zentralbanken und letzendlich damit auf den Nationalstaaten. Und die haben sehr unterschiedliche Interessen. Die Bundesbank sieht vor allem die Geldwertstabilität in Gefahr, die anderen Zentralbanken sehen halt, dass wenn ein Land in eine Liquiditätsklemme kommt, es dringend Liquidität braucht und deswegen von der EZB unterstützt werden müsste. Und das ist halt die Frage. Die EZB hat theoretisch zumindest, wie jede Zentralbank, eine unbegrenzte Feuerkraft. Möchte sie sie einsetzen? Kann sie sie einsetzen? Insbesondere, kann sie sie einsetzen, um ein oder zwei Länder rauszuhauen. Das ist der große Streit, der sich jetzt hinter den Kulissen in Frankfurt abspielt, und diser Streit wird letzendlich entscheiden, ob Italien im Euro bleiben kann.

Stefan Grobe, euronews: Wie dürfte der ausgehen, dieser Streit?

Daniel Gros: Wenn Italien die entsprechenden Anstrengungen unternimmt, dann wird wohl die EZB ihre Feuerkraft einsetzen, und dann kann der Euro gerettt werden.