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Professor aus Barcelona: "Spanien verliert durch die Krise seine klugen Köpfe."

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Professor aus Barcelona: "Spanien verliert durch die Krise seine klugen Köpfe."

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Über die immer stärker werdenden Krisenauswirkungen in Spanien sprachen wir mit Antoni Segura, Professor für Zeitgeschichte an der Universität von Barcelona.

euronews: “Im September 2011 ist erstmals seit 13 Jahren die Zahl der nach Spanien strömenden Arbeits-Immigranten gesunken. Warum?”

Antoni Segura: “Das hat vor allem mit der aktuellen Wirtschaftskrise zu tun, die Spanien sehr hart trifft.

So ist die Arbeitslosenrate in wenigen Jahren enorm gestiegen. Und die schwächsten Bereiche des Arbeitsmarktes sind jene, in denen die meisten Zuwanderer arbeiten. Darum verlieren sie auch als Erste ihre Arbeitsplätze. Und wenn die Leute keine Arbeit mehr haben, suchen sie natürlich nach anderen Möglichkeiten zum Überleben. Entweder in Drittländern oder auch durch Heimkehr ins eigene Land.”

euronews: “Ein anderes Migrations-Phänomen gibt es bei den Studenten, die dann trotz ihrer Diplome keine Arbeit finden oder nur extrem unterbezahlte.

Glauben Sie, dass durch die Krise Spanien seine klugen Köpfe verlieren wird?”

Antoni Segura: “Zweifellos. Und ich bewerte dieses

Phänomen als besonders schwerwiegend. Der Staat hat in Bildung investiert und erleidet einen Verlust, wenn die gut Ausgebildeten unter Niveau beschäftigt werden. Das ist ein klarer Verlust von Investitionen.”

euronews: “Unabhängig davon, welche Partei nach den Wahlen regieren wird, welche Politik sehen Sie als notwendig an, um diesen beiden Erscheinungen zu begegnen?”

Antoni Segura: “Man muss die Politik so ändern, dass die jungen Leute in Spanien angemessene Arbeit finden. Damit sie Karriere in ihrem Lande machen können. Es ist doch absurd, Leute auszubilden, die dann ins Ausland abwandern. Was die zu uns kommenenden Arbeits-Immigranten anbelangt, da ist der Markt ständig in Bewegung.

Das wichtigste Regulierungsinstrument ist das Arbeitsgesetz. Das muss sicherstellen, dass auf dem Arbeitsmarkt eine Situation herrscht, in der zunächst die qualifizierten Arbeitskräfte nicht der Willkür skrupelloser Arbeitgeber wehrlos ausgeliefert sind. Vor allem müssen Gesetze gemacht werden, die auch Strafen vorsehen für Firmen, die illegale Methoden anwenden.”

euronews: “Spanien hat die höchste Arbeitslosenrate in der EU mit seinen fast 5 Millionen Arbeitslosen. Wird das zu wachsenden sozialen Spannungen führen?”

Antoni Segura: “In der spanischen Wirtschaft gibt es Grauzonen. In dieser Schattenwirtschaft kommen vor allem viele Zuwanderer unter. Die arbeiten dann schwarz in mehreren Jobs, was nie in irgendeiner Statistik auftaucht. Den Anteil dieser Schattenwirtschaft muss man wohl auf rund 20 Prozent beziffern. Und man muss erkennen, dass die Sozialpolitik, die die gegenwärtige Regierung vor allem in ihrer ersten Amtszeit betrieben hat, es den Leuten ermöglicht, als Arbeitsloser irgendwie klar zu kommen. Und wenn diese Möglichkeiten abgeschafft werden, dann kann ich das Ansteigen sozialer Spannungen nicht mehr ausschließen.”