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Spanischer Wirtschaftsprofessor:" Alles gratis" geht in keinem Land

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Spanischer Wirtschaftsprofessor:" Alles gratis" geht in keinem Land

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María Piñeiro. euronews

Um mehr über die wirtschaftliche Lage und deren soziale Auswirkungen in Spanien zu erfahren, fragen wir den Professor an der Universität Barcelona und Berater der spanischen Zentralbank, Guillem López Casasnovas.

Herr Professor, der Staat nimmt die größten Einschnitte vor, seit Spaniens Ende der 70er Jahre zur Demokratie fand. Muss das sein, ist das unausweichlich, leben die Spanier über ihre verhältnisse, wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel meint?

Guillem López Casasnovas

Spanien ist tatsächlich auf einem Ausgabenniveau angekommen, das nicht wünschenswert ist.

Wir konsumieren wesentlich mehr als wir erarbeiten.

Die sozialen Ausgaben sind wie in allen anderen Ländern auch bei uns gestiegen. Eben nach und nach, während sich das Land entwickelt hat.

Und so sind wir nun in eine schwierige Lage geraten. All die Kürzungen, die wir gerade erleben, führen gleichzeitig zum Abbremsen des Wachstums.

Der Wachstumsrhythmus ist derzeit nicht, wie er sein sollte, nicht mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt, nicht mit Blick auf die Einkommen. Unsere Sozialausgaben sind schneller gewachsen als die effektiven Steuereinnahmen des spanischen Staates.

euronews

Nun wird auch am öffentlichen Buget für die Gesundheit gespart. Ist der kostenlose Zugang zu medizinischer Versorgung in Spanien in Gefahr?

Guillem López Casasnovas

Wir wissen, dass die Idee “alles ist kostenlos” in keinem Land funktionieren kann. In den Ländern mit der Tradition der beitragsfinanzierten Krankenversicherung gibt es einen Leistungskatalog. Und darüber hinaus gibt es Zuzahlungen. Im anderen System, wo aus Steuermitteln die Gesundheitsversorgung finanziert wird, müssen die Bürger auch für bestimmte Leistungen zuzahlen. In diesem System, wie man es in Großbritannien und Skandinavien kennt, gibt es strikt einzuhaltende Kataloge. Überall dort bleiben Leistungen, die das System nicht erbringen kann, für die der Bürger zuzahlen muss.

In Spanien haben wir grundsätzlich auch dieses System – aber noch keinen strikten Leistungskatalog, durch den Kosten begrenzt werden. Wir sind dabei, eine Art Mischsystem zu entwickeln, das auch Elemente der beitrags-finanzierten Versicherung enthält. Dabei werden Kriterien für die notwendige Basisversorgung festgeschrieben, um Kosten zu begrenzen.

euronews

Wie kann die Lösung aussehen?

Guillem López Casasnovas.

Das ist eine politsche Entscheidung, die man nicht auf Berechnungen von Akademikern aufbauen kann.

Die Politik muss ihre Wahl treffen zwischen den unterschiedlichen Systemen, die möglich sind.

Wir können natürlich so ein beitragsfinanziertes System aufbauen, wie es in Frankreich, Holland, Belgien, Österreich, Deutschland in verschiedenen Ausprägungen existiert. Möglicherweise kann man damit mehr Effektivität erreichen, aber auf Kosten von unumgänglichen Zuzahlungen.