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Politische Apathie in Russland vor den Wahlen

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Politische Apathie in Russland vor den Wahlen

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Knapp eine Woche vor der Parlamentswahl sieht Moskau kaum noch nach Wahlkampf aus. Auf einige Plakate der Regierungdspartei “Geeintes Russland” haben Kritiker geschrieben “Partei der Gauner und Diebe”. Kritik ausgelöst hat auch, dass die offiziellen Plakate der Wahlkommission jenen der Regierungspartei gar zu ähnlich sehen, so als stände nur diese Partei zur Wahl.

Apathie macht sich breit meint auch der Politologe Boris Dubin vom Meinungsforschunsinstitut Lewada.

Er sagt: “ Man spürt eine gewisse Müdigkeit gegenüber den beiden Figuren, die die politische Landschaft beherrschen. Außer ihnen scheint es niemanden mehr zu geben. Seit 10 bis 12 Jahren scheint die Situation eingefroren zu sein.

Mit Blick auf die Geschichte ist das ein kurzer Zeitraum, für die Menschen, die jetzt leben, ist es aber lange. Erst recht, weil niemand etwas bewegen kann.”

Zwei Drittel der Russen haben keine eigene Meinung zur Politik. Seit der vorigen Parlamentswahl 2007 ist ihr Anteil um ein Drittel gestiegen. Seit 2004 hat er sich verdoppelt.

Von der Politik abgewendet haben sich vor allem Studenten, junge Akademiker und Rentner.

Sascha und Mascha sind Studenten, beide 22 Jahre alt. Er denkt, dass sich nichts ändern werde, egal wem er seine Stimme gibt. Weil die Sieger ohnehin schon feststehen. “Das ist fast schon offiziell”, ergänzt Mascha.

Mehr als die Hälfte der Russen meint, dass von ihrer Wahlbeteiligung gar nichts abhänge.

Sie wollen nicht mehr mitspielen. Die wirklich gefährliche Opposition wird wohl jene der Nichtwähler. Menschen wie Marina, 33, Ozeanologin. Sie sagt: “Ich werde nicht wählen. Nicht aus Apathie sondern aus Antipathie gegenüber der politischen Situation im Lande. Sie haben uns die Möglichkeit genommen, gegen sie zu stimmen und auf den Listen finde ich niemanden, dem ich meine Stimme geben will.”

Als Zeichen dieser Apathie werten Beobachter auch die wachsende Zahl der gut ausgebildeten jungen Leute, die Russland den Rücken kehren. Bei einer Umfrage unter dieser Bevölkerungsgruppe gaben 22 Prozent an, auswandern zu wollen. Wenn die Regierungspartei von “Stabilität” spricht, bleibt auch der Journalist Juri Sarikin skeptisch: Er formuliert das so: “Die Stabilität, die wir jetzt haben, ist eine tiefschwarze, in der nichts erhellt wird. Solche Stabilität hat man auch im Sarg.

Und die Partei an der Macht verspricht uns, dass alles so bleibt. Auch die Infrastruktur. Ich gebe trotzdem die Hoffnung nicht auf, dass es im Land ebenso talentierte wie ehrliche Menschen gibt, die ihre Arbeit lieben. Wenn man auf die russische Geschichte der letzten 200 Jahre schaut, dann sieht man, dass sich das Leben trotz allem immer wieder Bahn bricht, dass neben dem Asphalt Blumen blühen. Dadurch entsteht das Leben immer wieder.”