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Russland leidet unter Abwanderung

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Russland leidet unter Abwanderung

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Russland hat ein besonders großes Problem: Viele Russen verlassen das Land – und oft sind es die Jungen, Fähigen, Qualifizierten. Auch wenn Russland ihre Heimat ist: Aber was es bieten kann, reicht ihnen nicht. Ihnen steht die Welt offen, mit allen Möglichkeiten.

“Wenn ich weitermache, dann wohl im Ausland”, sagt eine Studentin in Moskau. “Unsere Regierung gibt nicht genug Geld aus für die Entwicklung Wissenschaft.”

Ganz neu ist das Problem nicht: Schon in den Gorbatschowjahren der Sowjetunion begann eine Auswanderung in großem Maßstab. Aber heutzutage können Menschen mit guter Ausbildung erst recht überall etwas werden.

“Auswanderung gab es schon in den Siebzigern, als Juden die Sowjetunion verließen”, meint Dmitri Muratow von der regierungskritischen Zeitung Nowaja Gasjeta. “Dann gingen viele Leute Anfang der Neunziger. Ihnen ging es um Wurst und um Jeans. Jetzt kriegst Du Wurst und Jeans überall hier in Moskau. Und trotzdem gibt es weiter eine riesige Auswanderung, weil die Leute frische Luft atmen wollen, sie gehen wegen der Werte.”

Eine Umfrage zeigt, dass jeder fünfte erwachsene Russe gerne auswandern möchte – das ist dreimal soviel wie noch vor wenigen Jahren. Viele empfinden den Zustand der Putin-Dauerherrschaft als lähmend.

“Ich würde es schon mal gerne im Ausland probieren”, meint Alexander Schischenin, ein Manager bei der Internetfirma Mail.ru. “Mir gefällt nicht, wie sich das hier politisch entwickelt – und auch wirtschaftlich. Außerhalb von Moskau kann man doch nirgendwo für ein normales Gehalt arbeiten. Und dann das Problem mit den Gerichten: Nicht nur ich finde das, sondern die ganze Gesellschaft – vor Gericht gibt es irgendwie doch keine Gerechtigkeit.”

Wer es sich leisten kann, sucht sein Heil sowieso lieber im Ausland – womöglich auch gleich mitsamt der Familie.

“Viele meiner Kunden wollen hier nicht viel Geld investieren”, sagt Alexander Aginski, der Chef einer Unternehmensberatung. “Sie wollen damit ins Ausland. Sie wollen auch ihre Kinder nicht hier zur Schule schicken, sondern im Ausland. Für sie ist dieses Land sowas wie ein notwendiges Übel.”

Mit 140 Millionen Einwohnern ist Russland schon heute keins der großen Länder dieser Welt mehr. Zur Auswanderung kommt noch der Geburtenmangel: Damit könnte es in den nächsten zwanzig Jahren noch einmal ein Zehntel der Bevölkerung verlieren.