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Aufatmen bei Monti in Rom - aber nur kurz

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Aufatmen bei Monti in Rom - aber nur kurz

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So viel Entspannung gab es in Rom lange nicht mehr: Von Anleiherenditen unter sechs Prozent konnte Italien zuletzt nur noch träumen – eine erste Reaktion der Märkte auf Mario Montis drastisches Spar- und Reformpaket.

Doch schon kam neues Ungemach. Standard & Poor´s stellte das Land unter verschärfte Beobachtung. Allerdings ist Rom jetzt in guter Gesellschaft, denn unter anderem wurden auch die Klassenbesten Deutschland, die Niederlande und Österreich abgestraft.

Und das sorge schon zu einer Art perversem Aufatmen, meint Philip Pullella von Reuters in Rom.

Denn Italien sei es inzwischen gewohnt, dass man mit dem Finger auf das Land zeige, zusammen mit Portugal oder Irland. Jetzt aber sei die Botschaft, in Europa sitzen alle in einem Boot.

Die Italiener haben in den vergangenen Wochen mit Ernüchterung festgestellt, dass sie nicht länger in der ersten Reihe sitzen. Die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone ist G7-Mitglied und gehört zu den Gründern der EU. Doch die wirklich wichtigen Entscheidungen werden, so scheint es, nur noch vom Tandem Merkel-Sarkozy getroffen.

Über die Krise in Italien und der Eurozone sprach euronews mit dem politischen Analysten Luigi Spinola in Rom.

euronews: Es gibt Berechnungen, wonach Montis Sparpaket eine Durchschnittsfamilie mehr als 600 Euro kosten wird. Auf was müssen sich Rentner und Arbeitnehmer in Italien einstellen?

Spinola: Die Folgen werden sehr hart, denn Sparpläne treffen ein wesentliches Stabilitätselement der italienischen Familien. Italien ist ein Land von Hauseigentümern, und Immobilien werden jetzt stark besteuert. Diese Sicherheitsinvestition leidet nun.

Auch Senioren geraten unter Druck, vor allem diejenigen, die nur eine kleine Rente von bis zu tausend Euro beziehen, die nicht länger an die Inflation angeglichen wird. Insgesamt sind die Menschen unzufrieden. Sie waren zu Opfern bereit, erwarteten aber mehr Gerechtigkeit, mehr Ausgeglichenheit und mehr Kreativität.

euronews: Die Parteien, die die Regierung stützen, haben gesagt, sie wollen Änderungen. Die Gewerkschaften lehnen die Sparpläne ab und haben Streiks angekündigt. Ist Montis Schonzeit schon vorbei?

Spinola: Die Schonfrist ist in der Tat vorbei. Aber das hatte Monti einkalkuliert. Tatsache ist, dass man ein Technokratenkabinett gebildet hat, weil nur Technokraten den öffentlichen Druck aushalten können. Denn niemand im Kabinett will wiedergewählt werden.

Die politischen Parteien werden jetzt rasch reagieren, um kosmetische Änderungen am Sparprogramm vorzunehmen, ohne die ganze Stoßrichtung zu gefährden. Was die Gewerkschaften angeht, so gibt es unter ihnen keine einheitliche Linie – und deshalb sind sie in dieser Situation sehr schwach.

euronews: Am Montag gab es etwas Entspannung an den Märkten, aber dann sorgte Standard & Poor´s mit ihrer Warnung wieder für Verunsicherung. Wie erklären Sie die Entscheidung der Rating-Agentur?

Spinola: Die Warnung von Standard & Poor´s bestätigt, was alle ohnehin schon wissen. Die Krise der Eurozone kann nicht allein in Rom gelöst werden oder in Athen oder in Madrid. Die Krise betrifft den ganzen Kontinent, einschließlich Paris und Berlin. Was wir jetzt brauchen ist politischer Mut und politische Dynamik.

Dazu gehört es, der Europäischen Zentralbank eine aktivere Rolle, eine aggressivere Rolle auf den Märkten zu erlauben. Ohne diese Garantie, ohne diesen politischen Willen, wird es sehr schwierig, aus der Krise herauszukommen.

euronews: Monti sagt, seine Sparpläne seien unumgänglich für Italien, wenn das Land seine Stellung in Europa zurückerlangen wolle – vor allem bei der Debatte um die Neufassung der Verträge. Wie geht Italien mit dem deutsch-französischen Aktivismus um?

Spinola: Nicht gut. Wir mögen es nicht, auch wenn es unvermeidbar ist. Wir mochten vor allem einige Belehrungen von außen nicht. Andererseits hat Monti selbst gesagt, dass für unsere Schulden nicht Europa verantwortlich ist und dass er niemals Europa für die Sparpläne verantwortlich macht, die die Italiener jetzt akzeptieren müssen.

Natürlich erwarten wir in den nächsten Tagen tiefgreifende Veränderungen. Bislang war Italien Teil des Problems, der kranke Mann, der auf EU-Gipfeln immer Unterstützung brauchte. Ab diesem Freitag hoffen wir, Italien als Teil einer möglichen Lösung zu präsentieren. Aber wir werden auch von den anderen verlangen, ihren Job zu machen und ihre Verantwortung zu übernehmen.