Eilmeldung

Eilmeldung

Märkte rätseln über Brüsseler Beschlüsse

Sie lesen gerade:

Märkte rätseln über Brüsseler Beschlüsse

Schriftgrösse Aa Aa

Wie geht es weiter in der Euro-Schuldenkrise nach dem EU-Gipfel der vorigen Woche? Über diese Frage wurde am ersten Handelstag nach den Brüsseler Beschlüssen an Europas gerätselt. Sicher ist, der EU-Sondervertrag muss nun in den Einzelstaaten umgesetzt werden. Das kann dauern – und möglicherweise wird am Ende etwas anderes herauskommen.
 
Als erstes müsse geklärt werden, ob tatsächlich alle Mitglieder der Eurozone an Bord sind und den Regeln gehorchen, meint ein Analyst. Die Märkte glauben, dass das wahrscheinlich nicht der Fall sein wird.
 
Auf den Kapitalmärkten blieb die Lage unübersichtlich. Die EZB teilte mit, ihre Käufe von Staatsanleihen der angeschlagener Euro-Staaten in der vergangenen Woche deutlich reduziert zu haben. Zugleich stiegen die Renditen auf italienische und spanische Schuldtitel wieder an. Die Frage, wie es weiter geht, bleibt zunächst unbeantwortet.
 
 
euronews: Die Brüsseler Gipfel-Beschlüsse scheinen noch nicht das gewünschte Vertrauen gebracht zu haben. Wir reden darüber jetzt mit Caroline Newhouse, Volkswirtin bei BNP Paribas in Paris. Sind wir von einer Lösung der Krise noch weit entfernt?
 
Newhouse: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Auf jeden Fall waren die Märkte vom Ausgang des Brüsseler Gipfels enttäuscht. Dennoch gab es bei zwei Punkten wesentliche Fortschritte. Zum einen gibt es vertraglich vereinbarte strengere Haushaltsregeln in der Eurozone und darüber hinaus. Zum anderen wird diese strengere Haushaltsdisziplin von einer größeren Solidarität unter den Staaten getragen.
 
 
euronews: Sie sagen “Solidarität”, aber wirft nicht das Verhalten Großbritanniens diesbezüglich Fragen über die Zukunft des Euro als Referenzwährung auf. Immerhin laufen zwei Drittel aller Finanztransaktionen nach Europa durch die Londoner Börse.
 
Newhouse: Es stimmt, dass Großbritannien an den Verhandlunsgtisch mit wichtigen Forderungen getreten ist. Darunter die, aus London eine Art Offshore-Finanzzentrum zu machen. Aber wenn man in die britische Presse blickt, dann sind zwar die Anti-Europäer mit Camerons Haltung zufrieden, aber selbst in der Londoner City macht sich angesichts der britischen Isolation Unbehagen breit. Großbritannien gehört nicht länger dem inneren Entscheidungszirkel in der Eurozone und der Europäischen Union an.
 
 
euronews: Moody´s hat den Märkten mächtig eingeheizt mit der Einschätzung, dass die Gfahr von Schocks für die Eurozone noch nicht gebannt ist. Moody´s will die Kreditwürdigkeit Anfang 2012 neu überprüfen. Aber schon in dieser Woche könnte es ein Problem geben, wenn Standard & Poor´s Frankreich oder sogar Deutschland herabstufen könnte…
 
Newhouse: Bis dass der Sondervertrag endgültig unter Dach und Fach ist, gehen noch drei Monate ins Land. Und ich glaube, dass gerade in dieser Zeit die Unsicherheiten am größten sein werden. Dann muss man Vertrauen in jede einzelne Regierung haben, ein Minimum der goldenen Haushaltsregel in die jeweilige Verfassung zu schreiben, ohne dass es ein Referendum geben muss. Die Parlamente müssen die Ratifizierung vornehmen.
 
 
euronews: Glauben Sie, dass das möglich sein wird vor dem Hintergrund von Sparplänen und sozialen Problemen?
 
Newhouse: Was machen denn Länder wie Griechenland, Italien Spanien und Portugal, wenn die Eurozone auseinander bricht? Ist es wirklich sinnvoll, wenn jeder seine alte Währung wieder einführt? Wir bekommen dann massive Abwertung, Inflation und Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Und wir hätten einen harten Kern an Euro-Staaten. Das ist in niemandes Interesse. Wir müssen jetzt viel weiter gehen in Richtung auf eine Vergemeinschaftung der Schulden und auf eine gemeinsame Wirtschaftspolitik.
 
 
euronews: Der Brüsseler Gipfel hat die Frage nach der künftigen Rolle der EZB nicht beantwortet. Stattdessen wurde an der Rolle des IWF gebastelt…
 
Newhouse: Herr Draghi hat einen anderen geldpolitischen Stil als Herr Trichet, er will die EZB als letzten Retter in der Not konstruieren. Ich denke, die Entscheidungen der EZB in der vorigen Woche belegen dies. Aber die EZB ist eben nicht der letzte Retter in der Not für Staaten.