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Russland: Hoffnung und Sorgen vor WTO-Beitritt

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Russland: Hoffnung und Sorgen vor WTO-Beitritt

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Die WTO-Familie bekommt Zuwachs: Nach 18 Jahren Verhandlungen tritt Russland nun der Welthandelsorganisation bei. Momentan spricht diese die Einladung offiziell aus, kommendes Jahr wird der Beitritt dann vollzogen sein. Speziell exportorientierte Unternehmen sehen dem Schritt zuversichtlich entgegen, andere hingegen fürchten Nachteile und mehr Arbeitslose.
 
Russland exportierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von 400 Milliarden Dollar, in der Hauptsache waren das Erdöl, Gas und weitere Rohstoffe. Daneben spielt auch die Metall- und Chemieindustrie eine wichtige Rolle beim Export.
 
Im Gegenzug führt das Land vor allem Fahrzeuge und Geräte aller Art ein, gefolgt von Nahrungsmitteln, Landwirtschaftsgütern und Chemieprodukten. Importe dürften deutlich günstiger werden.
 
Gas- und Ölverkäufe werden einfacher und besonders die Metallindustrie könnte zu den Gewinnern des Beitritts gehören, da bestimmten Einfuhr-Quoten der EU wegfallen, außerdem gibt es vielfach keine Zölle und Gebühren mehr.
 
Der Beitritt dürfte auch russische Autofahrer freuen, da importierte Wagen nun billiger werden. Die russischen Autobauer hingegen fürchten Absatzverluste gegen die vielfach modernere Konkurrenz von auswärts.
 
Die Landwirtschaft muss sich auf weniger Subventionen einstellen. Statt der aktuellen 9 Milliarden Dollar sollen ab 2013 nur noch 4,4 Milliarden an Landwirte und ihre Unternehmen gezahlt werden. Doch im Kreml ist der Wille zum Beitritt größer als die Furcht vor Nachteilen.
 
 
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Natalia Marshalkovich, Euronews: “Wir möchten uns heute unterhalten mit Alexei Portanski, Professor für Globale Ökonomie und Politik in Moskau und Direktor des russischen WTO-Infocenters, über die Bedeutung des russischen Betritts zur Welthandelsorganisation WTO. Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise hört man oft, dass sich das Modell der Globalisierung selbst überlebt hat – wozu dann also noch der WTO beitreten?”
 
Alexei Portanski:
 
“In der Tat gibt es diese Ansicht, nationaler Industrieprotektionismus genüge,- eine Kooperation in der WTO sei daher nicht notwendig. 
ICH denke aber, das ist ein Fehler! Gerade um die eigene Industrie zu schützen ist es wichtig WTO-Mitglied zu werden. Kaum eine Industrie wird auf den Weltmärkten so diskriminiert, wie die russische.
Da gibt es ein Maximum an Auflagen und Beschränkungen, die wir nur mit Hilfe der WTO loswerden können. Außerdem eröffnet der Beitritt den russischen Unternehmen ganz neue Märkte.
 
Was die Krise angeht und die aktuelle Mode die Globalisierung zu kritisieren – ich halte es für besser, Teil von etwas zu sein, um es so verändern zu können, als außen vor zu stehen. Denn ohne uns, würde jede Reform die russischen Interessen schlicht ignorieren.”
  
Euronews:
 
Welche Bereiche werden vom russischen WTO-Beitritt besonders profitieren und welche eher nicht?
  
Portanski:
 
“Es war unsere Bedingung, klarzumachen, dass keine Branche unter einem WTO-Beitritt leiden sollte. Es mag vielleicht in einigen Bereichen Probleme geben, dann werden wir uns genau ansehen müssen, was diese Probleme im Einzelnen hervorruft.
Am meisten profitieren werden wohl die Stahlindustrie, die chemische Industrie und die Düngemittelhersteller. Ein weltweiter Export in diesen Branchen ist faktisch nur möglich, wenn man WTO-Mitglied ist, da man OHNE die Mitgliedschaft kaum in die Märkte hineinkommt.
  
Euronews:
  
Was bringt die russische Mitgliedschaft der Weltwirtschaft und der WTO?
 
Portanski:
 
WTO-Generaldirektor Pascal Lamy, hat schon oft betont, dass die Organisation erst mit dem Beitritt Russlands wirklich global wird. Ich kann mich durchaus erinnern, dass es Ende der 90er, Anfang der 2000er zum Comon sense gehörte, zu sagen: Naja, Russland und China gehören irgendwie nicht dazu. Nun ist China 2002 beigetreten, Russland wird 2012 offiziell beitreten. Russland wird damit für seine Handelspartner transparenter werden, da wir künftig nach internationalen Standards arbeiten.
 
Außerdem werden wir uns natürlich bei der Ausarbeitung neuer globaler Handelsregeln beteiligen. Die WTO muss sich darüber hinaus in eine Reihe neuer Wirkungsbereiche einbringen, wie Klimawandel, Umweltpolitik und internationale Zusammenarbeit.”