Eilmeldung

Eilmeldung

Skandal um fehlerhafte Brustimplantate bleibt undurchsichtig

Sie lesen gerade:

Skandal um fehlerhafte Brustimplantate bleibt undurchsichtig

Schriftgrösse Aa Aa

Das ganze Ausmaß des Skandals um fehlerhafte Brustimplantate ist weiter unklar. Der französische Hersteller PIP hat weltweit exportiert: Hunderttausende Frauen haben die Implantate erhalten.

PIP hat für die Brustkissen kein medizinisches Silikon verwendet, sondern weitaus billigeres Silikon aus der Industrie. Die Implantate konnten daher leichter platzen. Lieferanten waren Firmen wie der große deutsche Chemikalienhändler Brenntag oder das französische Chemieunternehmen Bluestar.

“Wir haben Produkte der Rhodorsil-Reihe verkauft”, sagt Bluestar-Sprecher Jean-François Granat. “Diese Produkte sind für den Industrieeinsatz gedacht, wie in der Reifenherstellung, der Erdölindustrie oder der Abwasseraufbereitung.”

In Frankreich bezahlt die Kasse den betroffenen Frauen – vermutlich rund dreißigtausend – die Entfernung der Implantate. Unter diesen Frauen gibt es zwanzig bekannte Fälle von Krebs; ein Zusammenhang mit den Silikonkissen von PIP ist aber nicht nachgewiesen.

Von den zwanzig betroffenen Frauen erkrankten fünfzehn an einem Adenokarzinom in der Brust und drei an Lymphdrüsenkrebs. Zudem trat ein Lungenkrebsfall und ein Leukämiefall auf.

1143 Frauen haben laut den jüngsten Zahlen aus Frankreich gerissene Implantate gemeldet. Bei 495 Betroffenen seien Entzündungen aufgetreten. 672 Frauen haben sich PIP-Silikonkissen demnach wieder herausnehmen lassen.

Die französische Krankenkasse hat jetzt Strafanzeige wegen schweren Betrugs erstattet. Ob die Kasse auch neue Implantate als Ersatz für die fehlerhaften bezahlen wird, ist offen: Vermutlich für Brustkrebspatientinnen, aber nicht nach Schönheitsoperationen.

In Deutschland wurden bislang neunzehn Fälle von gerissenen PIP-Implantaten bekannt, aber keine Krebserkrankungen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rät Frauen mit diesen Silikonkissen, “zur individuellen Risikoabwägung” mit ihrem Arzt zu sprechen.

“Die möglichen Auswirkungen auf unsere Gesundheit werden gar nicht untersucht”, sagt eine Betroffene in Spanien. “Wenn das Gesundheitsministerium die Implantate verbietet, dann muss es uns auch dabei helfen, dass sie aus unseren Körpern herauskommen.”

Auch die Ärzte kommen in dem Fall nicht unbedingt gut weg. “Keiner wollte hören, dass die Kontrollen in Spanien, Frankreich oder England versagt haben”, meint der spanische Mediziner Jaume Serra. “Die Kongresse der Ärzte wurden doch von den Firmen bezahlt, die die Implantate verkauft haben.”

Im Visier der Justiz ist vor allem der Gründer der 2010 pleitegegangenen französischen Firma, Jean-Claude Mas. Er hat über seinen Anwalt bereits zugegeben, aus Kostengründen für die Produktion von Brustimplantaten nicht zugelassenes Silikon verwendet zu haben. Der Kunststoff sei aber ungiftig gewesen; Vorwürfe über eine hohe Reißanfälligkeit der Implantate seien nicht belegt.

In dem Skandal muss auch der TÜV Rheinland mit weiteren Klagen rechnen. Ein französischer Anwalt kündigte juristische Schritte an. Der Verteidiger von vier Frauen wirft dem TÜV vor, die PIP-Produkte nicht seriös bewertet zu haben.

Der TÜV hatte selbst schon letzten Februar Anzeige gegen PIP erstattet. Man sei von der Firma nachweislich umfassend und fortgesetzt getäuscht worden, hieß es damals als Begründung. PIP habe Veränderungen an der genehmigten Auslegung des Produkts verschwiegen. Im Vorjahr gab es schon erste Klagen gegen den TÜV Rheinland.