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Vor einem Jahr begann der "Arabische Frühling"

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Vor einem Jahr begann der "Arabische Frühling"

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Tunis, am 14. Januar 2011. Tausende demonstrieren in der Hauptstadt, sogar direkt vor der Tür des Innenministerium. Und alle vereint die Losung: Langzeitherrscher Ben Ali soll gehen!

Der junge Demonstrant Nabil sagt: “Wir hoffen, dass das hier der Beginn der Demokratie sein wird, dass wir frei unseren Präsidenten wählen können.

Wir wollen zuerst und vor allem, dass er geht, er und seine Familie.”

Der Präsident, im Amt seit dem 7.November 1987, hatte am Abend zuvor seine letzte öffentliche Rede gehalten. darin versprach er, bei der Wahl 2014 nicht mehr anzutreten. Zu spät – am nächsten Tag machte er sich samt Gattin durch die Hintertür davon ins Exil nach Saudi Arabien. Noch Tage zuvor hatte er sich am Krankenbett des jungen Obstverkäufers fotografieren lassen, der sich aus Verzweiflung über Behördenwillkür selbst angezündet hatte. An den Flammer dieser Verzweifungstat entzündete sich der Aufruhr- erst in Tunesien, dann weiter in der arabischen Welt. Mohamed Bouazizi starb und wurde zum Märthyrer der Revolution. Er sollte nicht der einzige bleiben.

Allein in Tunesien starben nach UN-Angaben 300 Menschen, 700 wurden verletzt, ehe der “arabische Frühling” erblühen konnte.

Im Wohnviertel der Armen, gar nicht weit von der Präsidentenresidenz im historischen Karthago entfernt, kamen 15 Menschen ums Leben, ehe der Präsident aufgab. Versprochen wurde den Familien umgerechnet 10.000 Euro Entschädigung für einen Toten. Die Toten, das waren zumeist junge Leute wie der 23jährige Arbeiter. Die Mutter, die den Sohn beweint, erzählt, wie ein Nachbarsjunge kam, um ihr zu sagen, dass ihr Atef von einer Kugel ins Bein getroffen worden war. Sie versuchte sich zu beruhigen, ins Bein sei sicher nicht so schlimm.

Der jüngere Bruder zog los, um Genaueres zu erfahren – und kam zurück mit der entsetzlichen Wahrheit: Atef war tot. “ Ich habe die Entschädigung verlangt”, sagt sie.” Ich will Gerechtigkeit, die ist noch wichtiger als das Geld. Auch wenn wir Geld bekommen haben – ich werde leiden bis zum letzten Atemzug.”

Auch für die Leiden von Mohamed Boughamni ist kein Ende abzusehen. Der 38 jährige wurde “nur” verletzt. Und bekam 1.500 Euro Entschädigung.

Aber für mehrere Operation musste er 6.000 Euro bezahlen. Jetzt ist er hoch verschuldet und die Klinik hat ihn vor die Tür gesetzt, weil er die weitere Behandlung nicht mehr bezahlen kann.

Verbittert erinnert er daran, dass ohne den Einsatz von Leuten wie ihm hätten die Exilanten nicht heimkehren können. Jene, die jetzt an der Macht sind, der Präsident wie der Regierungschef, würden diese Arbeit heute nicht machen können.

“Wenn sie uns nicht zu unserem Recht verhelfen, wird es eine neue Revolution geben”, sagt er verbittert.