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Kritik an S&P - Märkte ignorieren Abstufung

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Kritik an S&P - Märkte ignorieren Abstufung

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Mit ihrer Entscheidung, die Kreditwürdigkeit Frankreichs und acht anderer EU-Staaten herabzustufen, hat sich Standard & Poor´s scharfe Kritik eingehandelt. Die EU-Kommission warf der Rating-Agentur schlechtes Timing und fehlendes Wissen vor.

In Frankreich selbst geriet das Verdikt der Prüfer sogleich in den Strudel des Präsidentschaftswahlkampfs. Daneben verlor auch Österreich die Bestnote. Paris und Wien müssen sich im Raster von Standard & Poor´s künftig mit einem Doppel-A plus begnügen.

Abstufungen erlitten auch Spanien, Italien und Portugal, obwohl alle drei Länder zuletzt mit guten Nachrichten von sich reden machten. So gingen die Zinsen für ihre Anleihen deutlich zurück. Ein Zeichen, dass Investoren die weitgehenden Spar- und Reformpläne dieser Staaten honorieren. Umso unverständlicher die Abstufung, heißt es in Brüssel.

OECD-Generalsekretär Angel Gurrìa spielt die Entscheidung von Standard & Poor´s herunter. Man dürfe sich von Triple-A oder Double-A nicht irritieren lassen. Die Situation habe sich nicht geändert. Ein Problem sei es vielmehr, den Finanzmärkten ständig nach dem Munde reden zu wollen. Dadurch seien politische Entscheidungen in der Krise immer zu spät getroffen worden.

In der Eurozone gab es zu Wochenbeginn erst einmal Aufatmen. Eine Emission kurzfristiger Anleihen in Frankreich ging reibungslos über die Bühne. Die Renditen sanken sogar – trotz der Abstufung durch Standard & Poor´s.

Bei der EZB hofft man nun auf ein ebenso positives Ergebnis bei der Geldmarktauktion des Euro-Rettungsschirms EFSF an diesem Dienstag. Einige Analysten befürchteten, nach dem Verlust der Topnote für Frankreich und Österreich könnte auch der Krisenfonds seine Spitzenbonität einbüßen.

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“Frankreich hätte schon längst herabgestuft werden sollen”
 
Zur Herabstufung von neun Ländern der Eurozone durch die Rating-Agentur Standard & Poor´s und die Auswirkungen auf die Schuldenkrise ein Gespräch mit Marc Touati, Chefvolkswirt von Assya Compagnie Financière in Paris.
 
euronews: In Paris begrüßen wir jetzt den Finanzanalysten Marc Touati. Marc, die Herabstufung der Kreditwürdigkeit von neun Euro-Ländern vertieft den Graben zwischen den guten und den schlechten Schülern und wurde deswegen von der Politik scharf kritisiert. Bedroht die Entscheidung von Standard & Poor´s den Kampf gegen die Schuldenkrise?
 
Marc Touati: Also, Frankreich hätte schon vor langer Zeit herabgestuft werden sollen. Im Grunde wurde an dem Triple-A aus Sympathie für uns festgehalten, weil das deutsch-französische Tandem als besonders glaubwürdig galt. Leider werden in Frankreich seit Jahren die öffentlichen Ausgaben erhöht. Sie repräsentieren heute 57 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Daneben wächst die Verschuldung: 85 Prozent des BIP. Aber das Drama ist, dass es kein Wachstum gibt. Das gilt praktisch für die gesamte Eurozone mit Ausnahme von Deutschland, den Niederlanden, Luxemburg und Finnland. Alle anderen haben nicht genug Wachstum, um die Zinsen auf ihre Schulden zu bezahlen. Um diese Schulden zu bedienen, müssen sie sich weiter verschulden. Man nennt das eine “Schuldenblase”. Die Herabstufung war also unvermeidlich. War das nun zu früh oder zu spät? Nun, im Grunde ist die Note nicht wirklich wichtig. Entscheidend ist, dass die Eurozone auf eine Rezession zusteuert, und das ist sehr gefährlich. 
 
 
euronews: Die Herabstufung betrifft auch den Euro-Rettungsfonds EFSF, der ja den Krisenländern helfen soll. Dessen Mittel werden nun als unzureichend eingeschätzt. Wie schwerwiegend ist das tatsächlich?
 
Touati: Es wird natürlich schwierig für den EFSF, die Top-Bonität zu behalten. Wenn der Fonds herabgestuft wird, wird es insgesamt schwerer, die nötigen Mittel für die Krisenstaaten zu bekommen. Deutschland hat inzwischen erklärt, keine höheren Garantien über seine Quote hinaus abgeben zu wollen. Also werden die Probleme größer. Heute kämpft man leider immer erst, nachdem die Schlacht vorbei ist. Das heißt, nachdem der Schuldenberg bereits angehäuft wurde. Wir müssen jetzt den Schuldenanstieg stoppen, das geht aber nur mit geringeren Defiziten, und die kriegen wir nur mit Wachstum. Daran mangelt es aber in der Eurozone. Schlimmer noch, im Schlußquartal 2011 ist die Rezession zurückgekommen. Ohne Wachstum aber keine Reduzierung des Defizits und des Schuldenbergs. Das ist also ein Teufelskreis, aus dem wir nicht herauskommen.
 
 
euronews: Deutschland hat weiter die Top-Bonität, Frankreich nicht mehr. Kann sich Angela Merkel über diese Entwicklung freuen?
 
Touati: Berlin bleibt im deutsch-französischen Tandem der Stärkere, und fast möchte ich sagen: zu Recht. Deutschland setzt seit zehn Jahren drakonische Reformen um und senkt seine öffentlichen Ausgaben. Dennoch leben die Deutschen nicht schlechter als die Franzosen. Natürlich kann Deutschland die Eurozone nicht allein verwalten. Ich denke, Berlin wartet auf Anstrengungen von Seiten Frankreichs, vor allem bei der Haushaltskonsolidierung. Das heißt, nicht einfach Steuern zu erhöhen, sondern auch massiv die Ausgaben zu senken. Vor allem Ausgaben, die unnötig sind, etwa die Betriebskosten des Staates, die in Frankreich seit zehn Jahren um rund zehn Milliarden Euro steigen. Wenn das nicht gelingt, wird Frankreich immer Probleme haben, die Krise zu bewältigen.
 
euronews: Marc Touati, merci.