Eilmeldung

Eilmeldung

"'Davos' ist ein Spiegelbild der Realität"

Sie lesen gerade:

"'Davos' ist ein Spiegelbild der Realität"

Schriftgrösse Aa Aa

euronews im Gespräch mit Lee Howell, dem Managing Director des Weltwirtschaftsforums.

Isabelle Kumar, euronews:

Lee Howell, danke, dass Sie zu uns gekommen sind. Im Bericht über die globalen Risiken ist von Dystopien, dem genauen Gegenteil von Utopien, die Rede. Es wird von Not, Elend und Hoffnungslosigkeit gesprochen. Wie realistisch ist dieser Ausblick?

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Wir sprechen vom Keim einer Dystopie. Die Frage ist, können wir etwas tun, bevor eine Dystopie ausbricht. Die Wurzeln von all dem hier haben mit zwei signifikanten wirtschaftlichen Risiken zu tun. Zum einen gibt es riesige Einkommensunterschiede. Dazu kommen chronische Ungerechtigkeiten in der Steuerpolitik. Die Kombination aus beidem ist ziemlich furchterregend.

Die Herausforderung besteht darin, Wachstum zu schaffen, das Arbeit schafft. Wie geht man durch eine Periode, in der überall gespart werden muss? Wie macht man Einschnitte, die trotzdem zum Wachstum und Vertrauen und – noch wichtiger – zu Beschäftigung führen? Das ist nur ein Teil dieser dystopischen Zukunft.

Zum anderen geht es um die demographische Entwicklung auf unserem Planeten. Ein großer Teil der Welt-Bevölkerung, fast die Hälfte, ist unter 27 Jahre alt. Unglücklicherweise finden die Leute um die 20, die am Anfang ihres Berufslebens stehen sollten, vielerorts keine Jobs.

Sehen Sie, hier können viele Risiken eine Rolle spielen. Im Bereich der Wirtschaft macht sich ein Gefühl von Dystopia breit. Man hat keine Hoffnung für die Zukunft. Sie wollen in den Ruhestand gehen, doch sie haben Angst um ihre Rente. Oder Sie sind gerade mit dem Studium fertig, doch Sie fürchten, es gibt für Sie keine Arbeit. In zehn Jahren werden wir sehen, was von dieser Dystopie wahr geworden sein wird.

Isabelle Kumar, euronews:

Das hängt – glaube ich – mit dem Versagen von Regierungen weltweit zu tun. Wir sind jetzt an einem Wendepunkt. Glauben Sie, dass wir uns auf unsere politischen Führer verlassen können, dass sie uns aus diesem Schlamassel bringen werden?

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Ich denke, das Problem ist, dass unsere Führer versuchen, die Krise zu managen. Management sieht aber ganz anders aus, wenn man weiß, dass es wiederkehrende Probleme sind und nicht einmalig auftretende. In den meisten Fällen, und davon spreche ich hier, sind es heute völlig neuartige Herausforderungen. Wir haben das noch nicht erlebt. Man muss also experimentieren, mutig sein, eine Zukunftsvision haben und Risiken eingehen. Die politischen Führer müssen diese eingehen und mit ihnen umgehen. Sie müssen führen und nicht nur managen.

Isabelle Kumar, euronews:

2011 war sehr geprägt vom Aufstieg der Occupy-Bewegung und sozialen Unruhen. Glauben Sie, dass unsere Zukunft von ihren Forderungen bestimmt wird?

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Wir hatten politische Bewegungen, Revolutionen werden über das Internet gemacht. Das ist Teil der Menschheitsgeschichte und der Zivilisation. Was einheitlich zu beobachten ist, ist, dass Menschen – wenn sie frustriert sind, wenn sie spüren, dass die Dinge nicht fair und gleich sind – reagieren.

Isabelle Kumar, euronews:

Dieses Aufbegehren der Straße zeigt doch, dass offenbar wenig Vertrauen in die politschen Akteure vorhanden ist und in macher Hinsicht auch in Foren wie Davos. Ist Davos “überholt”?

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Nein, Davos ist ein Spiegelbild der Realität. Die Menschen wollen, dass die Interessengruppen zusammenkommen und gemeinsam die Probleme erörtern. In der Geschichte von Davos sind die Führer der Zivilgesellschaft, insbesondere die Nicht-Regierungsorganisationen, immer einbezogen gewesen. In diesem Jahr ist die Occupy-Bewegung auch in Davos dabei. Die Sprecher der Bewegung sind eingeladen worden zu unserem Offenen Forum. Wir haben die Occupy-Führungsleute zu einer Diskussion zum Thema “Den Kapitalismus neu denken” gebeten. Unsere Herausforderung ist, die Themen richtig zu setzen, die richtigen Forumsteilnehmen zusammenbringen. Man muss denken, bevor man handelt. Man muss die richtigen Leute zusammenbringen zum Denken und sie hoffentlich auch zum gemeinsamen Handeln bewegen.

Isabelle Kumar, euronews:

Was ist mit den Keimen der Hoffnung? Wo sind sie?

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Nun, sie sind in uns, nicht? Das ist die Geschichte der Menschheit. Wir durchleben schwere Zeiten, wir überstehen sie aber immer. Das hält uns am Leben, oder!? Das ist Teil der menschlichen Beschaffenheit.

Isabelle Kumar, euronews:

Lee Howell, vielen Dank!

Lee Howell, Managing Director des Weltwirtschaftsforums:

Danke.