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Ceylan auf dem Küstendorf-Festival

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Ceylan auf dem Küstendorf-Festival

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Nuri Bilge Ceylan war einer der Ehrengäste auf dem 5. Küstendorf-Festival in Serbien, organisiert von Emir Kusturica in dem von ihm gegründeten Dorf. Ceylan erklärt sich selten bereit zu Interviews, Euronews gelang es trotzdem ihn zu sprechen.

In Kusturicas Küstendorf-Festival trafen junge Filmschaffende nun in einem Workshop mit dem türkischen Altmeister zum diskutieren zusammen.

Im Mittelpunkt des Workshops stand Ceylans letzte Produktion “Once upon a time in Anatolia”, die auf dem letzten Festival in Cannes den großen Preis der Jury erhalten hatte.

Es ist die Geschichte von der Suche nach einer Leiche. 3 Männer, ein Polizist, ein Arzt und ein Staatsanwalt jagen den Mörder durch die anatolische Nacht.

euronews:“Sie sind der im Ausland wohl bekannteste türkische Filmemacher. Sind Sie darauf stolz oder bedauern Sie es eher, dass andere nicht so sehr im internationalen Rampenlicht stehen, wie Sie?”

Nuri Bilge Ceylan:“Nun, im internationalen Kino kommen durchaus noch andere türkische Filme vor. Das türkische Kino erwacht ja gerade erst. Besonders die Zahl der Produktionen steigt aber von Tag zu Tag. Dabei wird die Qualität immer besser. Auch auf internationalem Parkett können wir immer bessere Regisseure und Filme aufbieten. Das ist nicht mehr so wie früher.”

euronews:“Seit Ihrer letzten Produktion haben Sie kein einziges Interview mehr gegeben. Warum ziehen Sie sich so vor den Medien und aus dem öffentlichen Leben überhaupt zurück?”

Nuri Bilge Ceylan:“Nun, ich gebe hier Journalisten kaum Interviews in der Türkei, weil hier nunmal mein privates Leben stattfindet. Daher achte ich wohl mehr darauf, schliesslich wohn ich hier und möchte nicht mein eigenes Leben vor Kameras ausbreiten. Das ist eigentlich der Hauptgrund. Ich möchte einfach ein normales Leben führen, das ist der Grund, nicht das ich das Ausland für wichtiger erachten würde.”

euronews:“Ihre früheren Filme spielen alle in Istanbul, warum kehren Sie jetzt filmisch nach Anatolien zurück, wo sie Ihre Kindheit verbrachten?”

Nuri Bilge Ceylan:“Das ist keine Rückkehr zu den Wurzeln oder so! Manchmal hat ein Plot einfach in einem Dorf zu spielen, und manchmal eben nicht, dann muss es Istanbul sein. Es gab aber keinen Vorsatz nach Anatolien zurückzukehren,- das ist Zufall. Wenn Sie einen Film in einer speziellen Region drehen, heißt das nicht, dass sie automatisch darüber nachdenken, dort zu leben. Im Übrigen kenne ich dieses Leben ja bereits, weil ich dort aufgewachsen bin. Ich hab immer noch starke Erinnerungen daran. Hier aber ist dieser Umstand reiner Zufall.”

Während Ceylans Charaktere sich auf die Suche nach dem Leichnam machen, begegnen sich in dem Film die Türkei von gestern, die in den Dörfern Anatoliens weiterlebt und die moderne Türkei der Großstädte…eine kurze Historie des Landes, auch wenn dies nicht in der Absicht des Regisseures lag.

Nuri Bilge Ceylan:“Also, ja…der Film vereinigt da sicher einige realistische Aspekte der heutigen Türkei,- wenn DAS darzustellen auch nicht unser eigentliches Anliegen war. Wir wollten vielmehr die menschliche Natur in extremen Situationen darstellen, wir wollten zeigen, wie sich Menschen dann verhalten. Deshalb haben wir diesen Plot gewählt.Die Charaktere des Films haben dies natürlich unterstützt, klar. Als Nebenprodukt entstand dabei gewissermaßen ein Bild der alten Türkei, so wie sie früher war, das war aber nicht unsere Absicht.”

euronews:“Ist das die Moral Ihres Films: Niemand ist unschuldig?”

Nuri Bilge Ceylan:“Wenn Niemand unschuldig wäre, wer könnte dann schuldig sein?”