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"Wir brauchen mehr Energie auf internationaler Ebene"

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"Wir brauchen mehr Energie auf internationaler Ebene"

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Pascal Lamy, Chef der Welthandelsorganisation WTO, im Gespräch mit “euronews”.

Isabelle Kumar, euronews:

Die Krise in der Eurozone ist das zentrale Thema hier in Davos. Sie hat viele Ursachen. M. Lamy, Sie waren EU-Handelskommissar unter Kommissionspräsident Romano Prodi, kennen die Materie also gut. Gibt es denn eine klare Lösung?

Pascal Lamy, Chef der Welthandelsorganisation WTO:

Ich erwarte eine solche klare Lösung nicht sehr bald. Der Grund ist: Es ist ein komplexer Transformationsprozess – von vor der Krise getroffenen Vereinbarungen hin zu einer eher politischen Union. Hier werden die nationalen Steuer-, Haushalts- und Wirtschaftsthemen auf EU-Ebene behandelt. So ergibt sich ein Gleichgewicht zwischen Solidarität und Disziplin.

Isabelle Kumar:

Diese Disziplin beinhaltet Sparzwänge. Doch wenn gespart werden muss, ist Wachstum schwierig. Wie glauben Sie, passen Sparzwang und Wachstum zusammen?

Pascal Lamy:

Das ist die zentrale Frage. Es muss eine Agenda geben für eine rigide Sparpolitik. Es muss aber auch eine Agenda geben für Investitionen in die Zukunft. Die europäische Wirtschaft muss produktiver, innovativer werden, Forschung muss gefördert werden, die innereuropäischen Märkte müssen enger zusammenwachsen in Bereichen wie Dienstleistung. Und noch mal: Das kann nur auf der Ebene der EU geschehen.

Isabelle Kumar:

Verschiedentlich wurde auch über eine kleinere Eurozone, etwa ohne Griechenland, diskutiert. Käme das Ihrer Meinung nach in Frage?

Pascal Lamy:

Ich persönlich glaube nicht, dass Griechenlands Probleme leichter zu lösen wären, wenn das Land aus der Eurozone ausscheidet. Die Eurozone aufzubrechen, wäre keine gute Lösung. Im Gegenteil. Wir müssen die Euro-Disziplin auf EU-Ebene stärken – das ist der richtige Weg.

Isabelle Kumar:

Vor dem Treffen in Davos waren die Rating-Agenturen eines der großen Themen. Sie haben diverse europäische Länder herabgestuft. Wie glaubwürdig sind diese Rating-Agenturen ihrer Meinung nach, zumal diese in der Vergangenheit auch gravierende Fehler gemacht haben?

Pascal Lamy:

Das stimmt absolut. Die Rating-Agenturen sind menschliche Organisationen, und die machen eben auch mal Fehler. Die Frage ist also: Sollen diese Agenturen privatwirtschaftlich betrieben werden oder sollte es ein öffentliches System geben, das potenzielle Interessenkonflikte vermeidet. Das würde meiner Meinung nach sinvoller sein, aber auch teuer. Und die Frage ist natürlich: Wären die europäischen Steuerzahler bereit, eine solche Organisation zu finanzieren?

Isabelle Kumar:

Professor Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, sagte, “Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist nicht mehr relevant.” Ist das eine richtige Einschätzung?

Pascal Lamy:

Wir wissen, dass ein Kapitalismus mit globalen Märkten mehr internationale Regularien braucht. Und daher brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit, die ist heute aber Mangelware. Das große Problem, das wir haben, ist: Die nationalen Kassen sind leer. Die politische Autorität ist fast überall durch die Krise untergraben. Wir brauchen mehr Energie auf internationaler Ebene. Im Handel, in der Währungspolitik, beim Klimawandel, in sozialen Fragen – überall muss mehr gemeinsam getan werden, anstatt dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das hat in meinen Augen allerhöchste Priorität.