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Wohin steuert unsere Landwirtschaft?

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Wohin steuert unsere Landwirtschaft?

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Was werden wir morgen essen? Sollte die EU einen genaueren Blick darauf werfen, was wir auf unserem Teller haben? Und, den Bio-Gedanken im Hinterkopf,- wohin steuert unsere Landwirtschaft?

Um auf diese Fragen Antworten zu finden, sprechen wir heute bei I-TALK mit Dacian Cioloş, EU-Kommissar für Landwirtschaft und Entwicklung

des ländlichen Raumes. Herr Ciolos, guten Tag, habe ich Ihren Namen richtig ausgesprochen…?

Dacian Cioloş:

Guten Tag,- Ja, sehr gut!

Taylor:

Schnelle Frage, schnelle Antwort. Starten wir mit unserer ersten Frage bei I-Talk:

Frage:

“Hallo, ich heiße Joséphine, ich bin aus Belgien.

Ich habe eine Frage, die die gemeinsame Landwirtschaftspolitik betrifft: Wie ich weiß, bekommen einige große Betriebe sehr viel Geld von der EU. Wie sieht es aber mit kleineren Landwirten aus?”

Alex Taylor:

Nun, der Agrarbereich erhält aktuell 40 Prozent des EU-Budgets, rund 56 Milliarden Euro, richtig?

Dacian Cioloş:

Ja, es ist ein bisschen weniger als 40 Prozent. Im europäischen Rahmen mag das noch sehr viel sein, im nationalen eher wenig.

Es ist der erste und einzige Politikbereich, der vollständig vergemeinschaftet ist. Das bedeutet, das alle Mitgliedsstaaten ihre Agrarbudgets zusammenwerfen und dann zusammen über die Verwendung dieser Gelder entscheiden.

Den Landwirten kommt das Geld in jedem Fall zugute, nicht nur einigen wenigen, auch die kleinen Landwirte erhalten ihren Anteil und das ist nicht wenig. Mit unserer Reform wollen wir nun gewährleisten, das sie dieses Geld noch einfach abrufen können, da wir die entsprechenden Prozesse für Kleinlandwirte verschlanken.

Alex Taylor:

Die gemeinsame Agrarpolitik ist dennoch umstritten, da es Staaten gibt, die kaum etwas zum EU-Budget beitragen.

Dacian Cioloş:

Aus diesem Grund hat man über die Agrarpolitik oft gestritten. Wie gesagt: Es ist der einzige Politikbereich der seit Langem komplett vergemeinschaftet ist. In diesem Jahr feiern wir übrigens 50 Jahre gemeinsamer Agrarpolitik.Dabei hat sich die Agrarpolitik aber stets reformiert und den Bedürfnissen der Bürger angepasst,- das war im Grunde ein fliessender Prozess.

Alex Taylor:

Eine andere Frage für Herrn Ciolos:

“Stéphanie George, ich komm aus Belgien, mich interessiert die Zukunft der europäischen Agrarpolitik. Ist das eine nachhaltige Politik?

Ich glaub, das würde auch andere junge Menschen sehr interessieren! Vielen Dank für eine Antwort.”

Alex Taylor:

Gute Frage, oder!?

Dacian Cioloş:

In der Tat, denn sie betrifft den Kern der aktuellen Agrarreform. Die Zukunft der Landwirtschaftspolitik liegt sowohl im Bereich der Nahrungsmittel-Produktion als auch in Nachhaltigkeit und einem verantwortlichem Umgang mit den Ressourcen…

Alex Talyor:

Was meinen Sie mit “Produktion”? Anbau-Methoden?

Dacian Cioloş:

Es geht darum, Nahrungsmittel für uns Europäer zu erzeugen, wie auch für den Export. Wir wollen doch Qualität exportieren. Das bleibt eine Herausforderung in einer Welt, in der die Nachfrage stets größer ist als das Angebot. Die Agrarpolitik spielt in europa aber auch deshalb eine sehr wichtige Rolle, weil sie den Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen berührt,- Erde, Wasser und die Artenvielfalt. Darum wird eine nachhaltige Entwicklung hier auch immer ein wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen Agrarpolitik bleiben.

Alex Taylor:

Eine weitere Frage bei I-Talk:

“Hallo, ich bin Marie Dujeu, Belgierin. Ich frage mich, ob ich wirklich sicher gehen kann, dass wirklich alles BIO ist, wo BIO draufsteht?? Kann man davon ausgehen?”

Alex Taylor

Kann die EU uns das garantieren?

Dacian Cioloş:

Natürlich! Neben der Verpflichtung der gemeinsamen Agrarpolitik auf verantwortungsvolle Produktionsmethoden gibt es ja noch meinen Kollegen John Dalli, der sich nur um Lebensmittelsicherheit kümmert.Soll bedeuten: wir haben in der EU ein seperates System, das sowohl die Kontrolle und Rückverfolg-barkeit von Nahrungsmitteln garantiert. Das stellt sicher, das es hier keine Interessenskonflikte zwischen den beiden Politikbereichen gibt.

Alex Taylor:

Läuft DAS nicht auf zu hohe Kosten hinaus?

Dacian Cioloş:

Nein, denn die Gesundheit unserer Bürger kann uns nie zu teuer sein, die ist uns enorm wichtig!

Für die europäische Agrarpolitik steht eine nachhaltige Landwirtschaft deshalb im Mittelpunkt ihrer Interessen,- die Europäische Kommission wird sie daher auf jeden Fall in ihrer künftigen Agrarpolitik verankern.

Alex Taylor:

Eine weitere Frage in I-TALK:

“Ich bin Sandra Isabel Moreno, aus Spanien. Wieso gibt es in Zeiten der Krise immer noch Landwirte, die aus Wut über die EU und ihre Agrarpolitik ihre Produkte vernichten?”

Dacian Cioloş:

So etwas kommt mittlerweile nicht mehr so oft vor.

Wenn sie sich vielleicht erinnern, vor 10, 15 Jahren

hatten wir noch große Probleme mit Überproduktionen. Heute gelingt es uns schon das alles wesenlich effizienter zu steuern.

Alex Taylor:

Wieso gibt es in einer hungernden Welt eigentlich noch sogenannte Überproduktionen?

Dacian Cioloş:

Nun, systematische Überproduktion gibt es kaum noch. Es gibt Situationen in denen, aus welchem Grund auch immer, die Nachfrage zurückgeht. Das können auch konjukturelle Gründe sein, wie zum Beispiel bei Milch im Jahr 2009. Wenn ein Landwirt seinen Hof auf 10 bis 15-Jahressicht plant, dann kann er oft seine Produktion nicht flexibel genug anpassen an Angebot und Nachfrage. Darum brauchen wir die gemeinsame Agrarpolitik: damit

die Verbraucher kontinuierlich versorgt werden und die Landwirte auch bei Korrekturen trotzdem konstant ihren Lohn erhalten, sodass sie investieren und von der Landwirtschaft leben können.

Alex Taylor:

Schnelle Frage, schnelle Antwort, so ist das bei I-TALK, nächste Frage!

“Ich heiße Ariane Wilhems, aus Belgien. Herr Ciolos, wird Europa etwas bezüglich der zur Verfügung stehenden Anbauflächen unternehmen??

Wie wir wissen wächst die Weltbevölkerung unaufhörlich, während die Anbauflächen schrumpfen.

Wie wollen wir da künftig unsere Ernährung sicherstellen? Hat Europa auf diese Frage eine Antwort?”

Alex Taylor:

Sehen Sie das ähnlich?

Dacian Cioloş:

Ja. Zuerst ist der Grund und Boden in der EU ein Produktionsmittel, um die Europäer zu ernähren.

Dann ist er aber auch öffentliches Gut, denn Artenvielfalt, Qualität des Wassers und der Erde hängen von einem schonenden Umgang damit ab.

Darum setzt die EU sich für nachhaltige Landwirtschaft ein.Gleichzeitig aber, sollte es uns die gemeinsame Agrarpolitik ermöglichen, das wir uns in Staaten Afrikas, Asiens oder Südamerikas nach weiterer Ressourcenerschliessung umsehen. Den Planeten zu ernähren, kann nicht nur von europäischem Boden aus gelingen.

Alex Taylor:

Europa ist Vorbild für andere? Wollen Sie das damit sagen?

Dacian Cioloş:

Nicht unbedingt. Wir sollten aber sicherstellen, das die Entscheidungen, die wir in Europa treffen, nicht negative Folgen für andere Länder haben, sodas diese AUCH eine ordentliche und nachhaltige Agrarpolitik betreiben können.

Alex Taylor:

Letzte Frage in I-TALK heute zur Landwirtschaft:

“Hallo, ich heiße Barbara und bin aus Italien.

Ich möchte wissen, was die Europäische Union mit all ihren Überschüssen aus landwirtschaftlicher Produktion tut, in einer Welt, in der zum Beispiel in Entwicklungsländern immer wieder gehungert wird.”

Alex Taylor:

Sie sagten schon, dass es zu weniger Überproduktionen kommt als früher…

Dacian Cioloş:

Von Überproduktion in größerem Maß kann tatsächlich kaum gesprochen werden. Seit der Jahrtausendwende hat sich das geändert….

Alex Taylor:

OK, wenn nicht in größerem Umfang…wo gibt es überhaupt noch Überproduktion??

Dacian Cioloş:

Es kann ab und zu welche geben,- das kommt drauf an…in einem Jahr kann es Gemüse sein, im nächsten dann vielleicht Milch. Was aber klar ist aktuell, das die Nachfrage nach Lebensmitteln weit größer ist, als das Angebot. Wir müssen dabei stets sicherstellen, dass diese konstante Versorgung des Marktes mit Nahrungsmitteln aller Art durch die Landwirte, diese auch ausreichend entlohnt und dadurch ermutigt ihre Betriebe weiter zu führen. Das ist die große Herausforderung in Europa: nicht etwaige Produktionsüberschüsse, sondern die Landwirte bei der Stange zu halten, weiter ihrer schönen aber oft schweren Arbeit nachzugehen.

Alex Taylor:

Nun, in einem Satz: In ihrer Kristallkugel,- wo sehen Sie die europäische Agrarpolitik in 10, 15 Jahren??

Dacian Cioloş:

Die Agrarpolitik muss weiter ein Politikbereich sein,

der die Landwirte in ihrer Arbeit unterstützt. Die gemeinsame Agrarpolitik der europäer muss den Verbrauchern sowohl Qualität als auch ausreichende Versorgung mit nachhaltig erzeugten Lebensmitteln garantieren.

Alex Taylor:

Ein anspruchsvolles Programm! Ich hoffe, sie schaffen es, DAS zu realisieren! Vielen Dank Dacian Ciolos, das Sie bei uns waren.

Nächste Woche sind wir mit I-TALK im Europäischen Parlament.

A bientôt, bis demnächst !