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Asbest-Skandal: Der Kampf geht weiter

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Asbest-Skandal: Der Kampf geht weiter

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Im Dezember 2009 hatte der Prozess in Turin gegen den Schweizer Stephane Schmidheiny und den Belgier Louis de Cartier begonnen. Sie sind der vorsätzlichen Tötung und der absichtlichen Verursachung einer Umweltkatastrophe angeklagt.

Sie werden für den Tod von 2056 Menschen und für die Erkrankung von 833 Menschen verantwortlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft Turin fordert 20 Jahre Haft für die beiden ehemaligen Besitzer der Eternit S.p.A. (Genua). Sie macht Schmidheiny und de Cartier dafür verantwortlich, dass zwischen 1973 und 1986 in den vier Fabriken der Eternit S.p.A. Sicherheitsmaßnahmen unterlassen worden seien.

In allen vier italienischen Eternit-Fabriken ist Asbest verarbeitet worden. Die Verteidigung verlangt einen Freispruch der beiden Männer. Das Urteil soll am 13. Februar verkündet werden. Es wird auch im Ausland mit Aufmerksamkeit erwartet, denn es könnten weitere Prozesse folgen.

Der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello sagte gegenüber Euronews: “Verbrechen sind schnell begangen. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Wir haben nach denen gesucht, die verantwortlich sind, nach denen, die Entscheidungen trafen, die bestimmten, was wofür ausgegeben wurde. Das waren keine Italiener, sondern Belgier und Schweizer.”

Astolfo Di Amato ist Stephan Schmidheinys Anwalt. Er meint: “Als Stephan Schmidheiny die Leitung der Gruppe übernahm, das war im Jahr 1976, hat er aus den italienischen Gesellschaften keinerlei Gewinn geschlagen. Er hat 72 Milliarden Lire in die Sicherheit gesteckt. In den 70-er Jahren war das eine enorm große Summe.”

Zwischen 1906 und 1986 war in der Stadt Casale Monferrato, nicht weit von Turin entfernt, die größte Asbestfabrik Europas.

Dadurch wurde die wirtschaftliche Entwicklung der Region angekurbelt. Aber die Menschen dort zahlten einen hohen Preis. Und sie zahlen immer noch.

Von 1947 bis heute starben mehr als 2000 Menschen an unheilbaren Tumoren. Nicht nur Angestellte bei Eternit, sondern auch Menschen, die niemals einen Fuß in die Fabrik setzten.

Bruno Pesce von der Organisation “Vertenza Amianto”, die sich für die ehemaligen Eternit-Angestellten und ihre Familien in Casale einsetzt, zeigt Euronews sein Büro. Er sagt: “Die weißen Ordner, die Sie hier sehen, das alles sind tote Arbeiter. Die roten Ordner, das sind die anderen. Alle sind sie tot. Die grünen Ordner, das sind die, die erkrankt sind, aber noch leben. Die gelben, das sind ehemalige Angestellte bei Eternit, die krank sind, aber auch noch leben.”

Heute sind die Asbestopfer in Casale ungefähr 50 Jahre alt. Die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahren alt. Sie alle haben Asbestfasern eingeatmet.

Daniela De Giovanni, Ärztin am Krankenhaus Santo Spirito in Casale, meint: “Alle, die hier wohnen, haben Angst, krank zu werden. Zum körperlichen Leiden kommt also noch das psychische Leiden dazu, der Angstfaktor. Diese Angst, dass die Krankheit, die ihre Freunde, ihre Eltern, ihre Verwandten getroffen hat, auch sie treffen wird. Bei vielen Krankheiten gibt es so etwas, wie ein Akzeptieren. Aber bei dieser Krankheit, die durch Asbest hervorgerufen wird, da gibt es also einen Grund, einen Schuldigen. Das ist es nicht das Schicksal. Und deshalb gibt es da viel Wut, eine Wut, die sich gegen den Schuldigen richtet.”

Romana Blasotti Pavesi ist Präsidentin des Opferverbandes in Casale. Eternit hat ihr ihren Mann genommen, ihre Schwester, ihre Kusine, ihre Tochter. Sie erzählt: “Im Jahr 2004 kam meine Tochter zu mir, mit ihrem Sohn und ihrem Bruder. Sie hatte alle Testergebnisse. Ich konnte es nicht fassen. Ich nahm sie in meine Arme und ich sagte, ich lass dich nicht gehen. Aber ich wusste, ich konnte nichts tun. Ich hatte das alles schon mitgemacht. Es war schlimm. Sie hat sehr gelitten. Der Kampf hört nicht auf. Auch wenn er schon dreißig Jahre andauert. Wir profitieren nach wie vor nicht von der Forschung auf diesem Gebiet, wir haben nach wir vor keine Entschädigung. Der Kampf muss weitergehen.”