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Von wegen: Revolution

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Von wegen: Revolution

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Vor einem Jahr, am 11. Februar, jubelten und tanzten sie im Hochgefühl ihres Sieges, die standhaften Ägypter vom Tahrir-Platz.

Und sie riefen: “Volk und Armee stehen zusammen”.

Am 10. Februar hatte Langzeitpräsident Husni Mubarak in seiner letzten Fernsehansprache seinen Rücktritt verkündet – und die Übergabe der Macht an die Armeeführung, die ihn fallen gelassen hatte.

Seitdem wird Ägypten vom Obersten Militärrat regiert, angeführt von Marschal Muhamed Hussein Tantawi. Er beruft die Minister, unter denen sich viele bekannte Gesichter aus der Mubarak-Zeit finden. Dann durften die Ägypter wählen.

Es waren ihre ersten wirklich freien Wahlen.

Als das Ergebnis feststand, rieb sich mancher verwundert die Augen. Soll das wirklich Volkes Wille sein? Eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Islamisten im Parlament?

Der britische Journalist John R Bradley verfolgt seit 2008 die Entwicklung in Ägypten. Gegenüber euronews sagte er:

“Diese Wahlen waren weder frei noch fair. Sie waren nicht fair, weil die Islamisten drei Jahrzehnte lange Erfahrungen haben, wie man ein politisches und soziales Netzwerk knüpft.

Während die Liberalen gerade erst ihre Parteien gegründet haben. Das andere Problem – sie waren nicht frei, weil da Geld geflossen ist. Besonders die radikalen Salafisten, das ist aktenkündig, haben enorme Unterstützung aus den Golfstaaten bekommen.”

euronews: “Sie sagen also, diese Wahlen waren absolut kein Sieg der Revolutionäre?”

Bradley:“Von der Definition her war das in Ägypten keine Revolution. Es war ein Militärputsch, bei dem das seit 1952 in Ägypten herrschende Militär den Präsidenten geopfert hat. Und die Islamisten füllten das entstandene politische Vakuum aus. Jetzt hat bei diesen Wahlen die Partei der Revolutionäre nur magere 2 Prozent der Stimmen bekommen. Das heisst für mich, wir können nicht von eine revolutionäre Bewegung und einem in der Luft liegenden Wahlsieg sprechen.”

euronews: “Und wie sehen Sie Ägyptens Zukunft?”

Bradley:“Ägyptens Zukunft hängt vor allem von den Islamisten ab. Anderes ist nicht möglich. Wenn es zu einer echten zweiten Revolutionswelle kommt, wenn das Volk gegen die Militärherrschaft aufbegehrt, dann haben die Islamisten keine andere Wahl, als sich dem Volk anzuschließen.

Und das Ergebnis wird der Triumph des Islamismus sein. Wenn keine zweite Revolutionswelle kommt, dann wird der Pakt zwischen Islamisten und Militärregime andauern – und auch das wird zu einem Triumph der Islamisten führen. So oder so werden die Liberalen geschwächt.”

Es gärt wieder auf den Straßen der großen ägyptischen Städte. Die Unzufriedenheit wächst.

Die da jetzt auf die Straße gehen, sehen ihre Ideale von vor einem Jahr verraten, fürchten, das Bündnis von Militär und Islamisten werde jeden Reformversuch abwürgen.