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Protestbewegung ohne Ziele

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Protestbewegung ohne Ziele

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Seit Dezember demonstrieren immer wieder Hundertausende Menschen in Russland. Aber wer führt die Massen an? Die Protestführer sind so zahlreich und kommen aus den verschiedensten politischen Lagern, dass sich die Frage stellt, wie solch ein “bunter Haufen” organisiert werden soll.

Michail Kassjanow, der frühere Vize-Ministerpräsident Boris Nemtsow und Wladimir Ryschkow taten sich zusammen und gründeten die liberale Partei der Volksfreiheit. Bei der Durchschnittsbevölkerung ist die Partei nicht sehr bekannt. Die drei Ko-Vorsitzenden kommen nicht an Putins Popularität heran – aber das könnte sich ändern.

Michail Kassjanow: “Hier geht es nicht um fehlende Führungskraft, es liegt am derzeitigen politischen Klima, denn es gibt keinen politischen Wettbewerb. Das ist das Problem. Sobald alle politischen Parteien offiziel registriert sind, werden sie Zugang zu den Medien haben. Innerhalb von sechs Monaten werden Sie sehen, dass Russland viele Führungskräfte haben wird, die charismatischer als Wladimir Putin sein werden.”

Ein anderer Oppositionsführer ist Sergej Udaltsow. Er ist Vertreter der Oppositionsbewegung Linksfront. Im vergangenen Jahr verbrachte er rund 100 Tage im Gefängnis. Ihm wurde vorgeworfen nicht genehmigte Demonstrationen organisiert zu haben. Er erlangte auch durch seine Hungerstreiks Aufmerksamkeit. Udaltsow fordert eine Reform des politischen Systems und rief dazu auf, die Wahlen zu verschieben.

Sergej Udaltsow: “Wenn die Dinge so bleiben, könnte der Konflikt nach dem Urnengang am 4. März eskalieren. Das sollte verhindert werden. Deshalb habe ich Medwedew vorgeschlagen, die Wahlen zu verschieben, damit Veränderungen durchgeführt werden können. Solange sollte er im Amt bleiben. Das wäre ein gewagter Schritt, aber manchmal muss so gehandelt werden, um das Schlimmste zu vermeiden.”

Alexei Nawalny hat keinen politischen Hintergrund. Er ist ein Blogger und Anti-Korruptionsaktivist. Er erlangte Bekanntheit durch seine Seite, auf der er Fälle von Unterschlagung dokumentierte. Nawalny wurde zur Galionsfigur des Bürgerprotests. Viele Intellektuelle trauen ihm jedoch nicht mehr – spätestens seit ihm ein Posten bei der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot angeboten wurde, obwohl der 35-Jährige das Angebot ablehnte.

Dann gibt es noch Sergej Parchomenko, Journalist und Verleger. Er ist Mitglied des Organisationskomitees, das die Wahlen überwachen will. Seiner Ansicht nach sind die Proteste spontan in den sozialen Netzwerken entstanden und können nicht einer politischen Gruppe zugeordnet werden.

Sergej Parchomenko: “Ein Politiker glaubt daran, dass alles arrangiert werden kann. Er denkt, dass jeder so handelt, wie er es verlangt. Aber in Zeiten der Internet-Gemeinschaft, in der die Menschen schnell miteinander interagieren und Nachichten verbreiten können, ist die “arrangierte” Demokratie nicht mehr möglich.”

Ein weiterer Oppositionsvertreter ist Boris Akunin. Der Schriftsteller wurde für seine Krimiübersetzungen bekannt. Er warf den jüngsten Entwurf seines Buches weg. Er könne sich nicht aufs Schreiben konzentrieren, wenn darußen eine Revolution stattfindet, erklärte Akunin. Auf den Oppositions-Thron steigen, will er jedoch nicht.

Der Song der Band Kino “Wir übernehmen die Veranwortung” wurde zur Hymne der Protestbewegung. Aber wer ist “wir”?, fragen Kritiker. Den Demonstranten fehle ein Oppositionsführer und ebenso die Ziele außer Präsident Putin aus dem Kreml jagen zu wollen, sagen sie. “Das ist nicht wichtig”, antworten die Demonstranten. “Wir sind gerade aufgewacht und das ist erst der Anfang”, steht auf zahlreichen Plakaten.