Eilmeldung

Eilmeldung

Russland - mit fremden Augen gesehen

Sie lesen gerade:

Russland - mit fremden Augen gesehen

Schriftgrösse Aa Aa

Auf den Plakaten zur russischen Präsidentenwahl findet sich ein neues Gesicht. Michael Prochorow. Aber laut Umfragen wird Wladimir Putin schon im ersten Wahlgang gewinnen.
Wie sehen Ausländer, die zum Teil schon seit Jahren in Russland leben, die Situation?
Gilles Chenesseau ist Vizepräsident der französisch-russischen Handelskammer und Direktor einer Tourismusagentur. Nach Moskau kam er erstmals 1981 – mitten im “Kalten Krieg”.
Auch die Korrespondention der spanischen Zeitung
“El Pais” kennt das Land noch aus Sowjetzeiten. Seit 1984 arbeitet Maria Pilar Bonet in Moskau.
Der Bürochef der britischen “Times”, Toni Halpin, kam 2005 nach Moskau. Die drei meinen, man müsse 12 Jahre zurückschauen, um das Phenomen Putin zu begreifen.
Gilles Chenesseau sagt: “Die Jelzin-Periode war eine Epoche der radikalen Umbrüche, die sehr schlecht gemeistert wurden. Es war eine Zeit wie im wilden Westen. Es fehlten Strukturen für eine normale Gesellschaft. Die wurden erst unter der folgenden Macht geschaffen, unter Putin, zumal auch keine echten Rechts- und Staatsstrukturen existierten.”
Maria Pilar Bonet Cardona erklärt ganz deutlich:
“Ich betrachte die Epoche Putin nicht als einen Bruch mit der Epoche Jelzin. Putin ist der Erbe der 90er Jahre. Alle die heute diese 90er Jahre kristisieren, sind doch die Kinder jener Zeit. Ich denke, dass alle, die Russland regieren, die irrationale Angst kennen, das Land könnte unkontrollierbar werden.”
Und Toni Halpin vergleicht: “ Als ich ankam, hatte das Land ein eingefrorenes politisches System, in dem alles von einer Person entschieden wurde. Es gab keine echten Parteien. Jetzt diskutieren die Leute aktiv über Politik, das gehört zu ihrem täglichen Leben. Bei Demonstrationen zeigen sie ihren Willen, ihre Ansichten durchzusetzen.”

Putin hat die Sowjetunion als die “größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts” bezeichnet und während seiner zwei Amtszeiten versucht, wieder eine Macht wie das Sowjet-Imperium zu errichten. Wohin bewegt sich Russland heute?
Gilles Chenesseau erklärt Putins Position so:
“ Mit Putin war viel Sehnsucht nach Russlands Glanz und Größe verbunden. Das ist etwas, was viele Russen teilen – unabhängig von ihren sonstigen Ansichten. Und es ist der Grund für Putins Popularität. Es geht um das Gefühl von Größe und Stolz, das er den Bürgern seines Landes zurückgibt.”
Toni Halpin hat durchaus auch Befürchrungen:
“ Es kann in zwei Richtungen gehen. Zu einer grundlegenden Reform, zu einem offenen politischen System, das verschiedenen Ansichten Rechnung trägt. Das dieser aktiven neuen Generation erlaubt, in jedem Aspekt des Lebens ihre Wahl zu treffen und die nun über ihr politisches System entscheiden will. Es kann aber nach der Wahl auch ein Weg zurück werden zu Repressionen. Das wäre aber sehr schwierig, denn die Leute haben die Angst verloren, sie sind bereit, für ihre Rechte einzustehen.” Maria Pilar Bonet sieht, was die Generationen verbindet: “Vor Russland steht die nie erfüllte Aufgabe der Demokratisierung. Diese Aufgabe gibt es schon seit Stalins Tod 1953. In der Gorbatschow-Zeit wurde sie aufs neue betont. Und heute wieder.
Diese nie erfüllte Aufgabe der Demokratisierung vereint heute die Generationen, die sich im Dezember Seite an Seite bei den Protesten auf dem Bolotnaja-Platz wiederfanden.”

In Russland besagt ein Sprichwort, nichts sein vorhersehbar – nicht einmal die Interpretation der Vergangenheit.