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Russlands unerwartete Opposition

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Russlands unerwartete Opposition

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Russland Demokraten tragen weiß.
Telekommunikations-Ingenieur Wjatscheslaw,
Finanz-Analystin Anna und Computer-Programmierer Alexander haben sich nach dem 4. Dezember 2011 für die Protestfarbe entschieden. Nach jener Parlamentswahl, der in den Augen vieler Russen der Makel der Fälschung anhaftet. Anna sagt:
“ Ich habe seit dem 5. Dezember schon an vielen Protestaktionen teilgenommen hier in unserem Viertel Чистые Пруды – Schisteuje Prudi im Zentrum von Moskau. Und ich werde das auch weiterhin tun. Ich habe die Nase voll von dem, was im Land geschieht. Politiker haben die Macht an sicht gerissen und denken gar nicht daran, sie wieder herzugeben. Wir sind hier, um zu zeigen, wie viele wir sind. Wir werden nicht aufgeben. Wir werden kämpfen.”
Aufgeschreckt durch die zahlreichen Berichte über Fälschungen bei der Parlamentswahl vom 4.12.2011 organisierten sie über soziale Netzwerke im Internet ihr erstes “Meeting für faire Wahlen”.
Moskau hat plötzlich eine neue Protestkultur.
“Wahrheit für das Volk” und “Gerechte Wahlen” steht auf ihren Plakaten. Sie nennen sich auch die “neuen Dekabristen”, nach jenen Intellktuellen, die im 19. Jahrhundert gegen Zarenwillkür aufbegehrten.
“ Seit 20 Jahren habe ich Moskau nicht mehr so gesehen”, sagt voller Begeisterung der Schriftsteller Boris Akunin.
Auftreten können die Protestierer nur im kleinen privaten Frensehsender “дождь”, zu deutsch:
“der Regen”. “ Ich bin für alles Schöne”, lässt der bekannte Krimi-Autor Akunin per Spruchband wissen. Er hat seinen “Elfenbeinturm der Kunst” in einem gemütlichen französischen Dorf verlassen, um mit seinen Landsleuten die russische Gegenwart zu gestalten. Im Interview für euronews sagt er: “Zuerst war es die Mittelklasse, die sich empörte über die Art, wie Putin und Medwedew im September einfach einen Ämtertausch ankündigten.
Nach der Wahl im Dezember wurde die Empörung breiter. Wir alle haben das Gefühl, es reicht!
So lassen wir uns nicht in unserem eigenen Land herumschubsen. Darum ist die Bewegung immer größer geworden, umfasst jetzt ganz Russland und wird immer stärker.”
Weiße Bänder an Autoantennen. Erinnert sich in Deutschlands Osten noch jemand an dieses Symbol?
Zum Ende der DDR vor 23 Jahren hiess das
“Wir wollen hier raus!”
Sie aber wollen in ihrem Land bleiben, wollen ihr Land besser machen. Dafür die klammen Finger bei
“Straßenkunst im Widerstand”. Nikolai Lewschits ist Werbemanager. Er zählt auf: “Bei uns machen Stewardessen mit und Studenten, Informatiker und Projektmanager. 90 Prozent von ihnen kannten sich vor dem Dezember nicht. Die meisten haben sich vorher noch nie politisch engagiert. Jetzt vertreten wir Losungen wie ´Schaffen wir mit unseren eigenen Händen ein ehrliches Russland´.”

Aleksej Schischkow, Mitbesitzer einer Waschsalon-Kette, verteilt heissen Tee an die Demostranten.
Und wurde dafür schon verhaftet und für zwei Tage auf einem Kommissariat festgehalten. Seine Schlußfolgerung: “ Das Regime selbst hat mich politisch aktiviert. Vorher habe ich das nie getan. ich war nie in einer Partei. Was ich heute tue, das nenne ich ´Bürgeraktivität´. In unterschreibe Petitionen, in denen freie Wahlen verlangt werden. Dabei begreife ich, dass die Regierung uns nicht zuhört. Ich weiss nicht, wie das weitergehen soll.”

Zunächst geht es mit der Präsidentenwahl am
4. März weiter. Und da treffen wir wieder auf engagierte Intellektuelle. Diesmal ist es bekannte Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Tatjana Laserewa. Sie gehört wie der Schriftsteller Boris Akunin zu den Gründern der “Wähler-Liga”. Dort wollen sie für die Wahl Kenntnisse wie Verantwortungsbewusstsein der Wähler stärken.
Sie sagt: “ Ich habe begriffen, dass wir die Leute an der Macht kontrollieren können, dass wir es müssen. Die sollen schließlich für uns arbeiten.
Ich weiss nicht, was wir am 5. März vorfinden werden. Aber ich verstehe, dass unsere Arbeit gerade erst begonnen hat. Es geht darum, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft erkennt, den Platz des mündigen Bürgers. Das klingt sehr pathetisch, aber ich denke, nachdem 12 Jahre lang es niemand so formuliert hat, müssen wir unser Vokabular entsprechend erweitern.”