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Ist die Freilassung Chodorkowskis in Sicht?

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Ist die Freilassung Chodorkowskis in Sicht?

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Völlig überraschend hat der scheidende Kremlchef Dmitri Medwedew die Justiz angewiesen, die Verurteilung Michail Chodorkowskis zu prüfen. Dieser gilt als schärfster Gegner des alten und künftigen Staatschefs Wladimir Putin. Der frühere Chef des Ölkonzerns Jukos und einstige Milliardär Chodorkowski war 2003 festgenommen und zuletzt 2010 wegen Unterschlagung und Geldwäsche zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Sein ältester Sohn Pawel lebt als IT-Manager in den USA und setzt sich für die Freilassung seines Vaters sowie die weiterer politischer Gefangener ein. Die Prozesse gegen Michail Chodorkowski waren international als politisch motiviert kritisiert worden. Anlässlich eines Besuchs Pavels in Brüssel sprach unser Korrespondent Andrej Beketov mit ihm.

Euronews:
Was denken Sie darüber, dass der russische Präsident Medwedew die Justiz anwies, die Urteile in dem Fall Jukos zu prüfen?

Pavel Chodorkowski:
Es war Putins Initiative. Ziel ist, den zunehmenden Protest in der russischen Gesellschaft einzudämmen. Denn die Demonstranten fordern ein Ende der Korruption, die Freilassung der politischen Gefangenen und eine Reform der Justiz.

Euronews.
Augenblick mal, um wessen Initiative handelt es sich? Angekündigt hat sie Medwedew, der liberaler ist als Putin. Spielt einer den bösen und der andere den guten Polizisten? Oder handelt es sich um einen Trick des bösen Polizisten?

Pavel Chodorkowski:
Seit einiger Zeit sieht es so aus, als wolle Medwedew in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft einige seiner Versprechungen erfüllen. Blickt man jedoch auf die vergangenen vier Jahre seiner Amtszeit zurück, fällt auf, dass er keine wichtige Entscheidung ohne Absprache mit Putin getroffen hat.

Euronews:
Die Entscheidung über die Präsidentschaft ist gefallen und Putin steht vor einer sechsjährigen Amtszeit. Fühlt er sich durch Chodorkowski nicht mehr bedroht?

Pavel Chodorkowski:
Mein Vater stellte und stellt keine Bedrohung für den Politiker Putin dar. Er hat immer gesagt, dass er nach seiner Freilassung in Russland bleiben wolle, sollte er nicht gezwungen werden, das Land zu verlassen. Er hat weder gesagt, dass er ein aktiver Politiker werden wolle, noch dass er Interesse am Amt des Staatschefs oder des Ministerpräsidenten habe. Er will seine Wohltätigkeits-Programme fortführen, die er vor seiner Verhaftung begonnen hat. Im Verständnis Putins ist er gefährlich, weil er öffentlich sehr beliebt ist. Diese Bedrohung treibt den derzeitigen Regierungschef und künftigen Präsidenten in den Wahnsinn.

Euronews:
Michail Chodorkowski ist jüdischer Abstammung, ein erfolgreicher Geschäftsmann und hat mit Öl, das als nationales Eigentum gilt, ein Vermögen gemacht. Die russische Öffentlichkeit brachte ihm anfangs Mißtrauen entgegen. Später bewunderte man ihn als Märtyrer, man bedauerte ihn. Seine intellektuelle Arbeit hinter Gittern, seine Briefe haben ihm zu politischem Gewicht verholfen. Wird er nach seiner Freilassung ein russischer Mandela sein?

Pavel Chodorkowski:
Zuallererst will ich hoffen, dass sich die Notlage Mandelas in diesem Fall nicht wiederholt, der viel zu lange im Gefängnis war. Die Freilassung meines Vaters wird in dem Maß wahrscheinlicher, in dem die Protestbewegung in der russischen Gesellschaft zunimmt. Sie könnte in einem oder in zwei Jahren erfolgen. Bis dahin könnten auch neue politische Führer auftauchen.

Euronews:
Denken Sie daran, nach Russland zurückzukehren, sollte sich die politische Lage dort wirklich verändern?

Pavel Chodorkowski:
Mein Vater hat mich ausdrücklich darum gebeten, nicht nach Russland zurückzukehren, so lange er hinter Gittern ist. Verändert sich die Lage, kehrt Russland auf den Weg der demokratischen Entwicklung zurück, möchte ich freilich nach Hause zurückkehren und mich aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligen.