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Frankreich in der Krise

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Frankreich in der Krise

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“Guten Tag und willkommen bei euronews.
Die französische Präsidentenwahl muss sich jetzt in sehr kurzer Zeit abspielen. Ich erinnere Sie daran, dass der erste Wahlgang am 22. April stattfindet. Ein Wahlgang in einer Zeit von schwacher Konjunktur und Finanzkrise. In dieser Sondersendung präsentieren wir Ihnen die ökonomische und soziale Situation in Frankreich:
von der Deindustrallisierung und dem Handelsbilanzdefizit bis hin zu den Staatsschulden und der Kaufkraft, ohne die für die Franzosen wichtigste Sache zu vergessen: die Arbeitslosigkeit.

Antoine Juillard liefert Ihnen einen Lagebericht.

Das Jahr 2011 war ebenso wie die Vorjahre von sozialen Konflikten gekennzeichnet. Die Industriearbeiter hatten ein weiteres Mal einen hohen Tribut zu zahlen. Unabhängig vom jeweiligen Ausgang sind die Konflikte menschlich zu verstehen, aber oft geht es schlecht aus. Die Arbeiter der Continental-Fabrik wissen einiges davon, ebenso die ArcelorMittal in Lothringen und die vielen tausend unbekannten Arbeitslosen. Zwischen 2007 und 2011 stieg die Zahl der Arbeitslosen um eine Million. Die Zahl der Arbeitssuchenden geht heute auf die 3 Millionen zu. Das sind 10 % der aktiven Bevölkerung. Dieses gestiegene Niveau hat zum Anwachsen von Langzeitarbeitslosigkeit in Frankreich geführt. Langzeitarbeitslosigkeit hat auch Konsequenzen auf das Einkommen der Arbeitslosen. Eric Heyer vom “Observatoire français des conjonctures économiques” sagt: “Finanziell ist das ein Absturz in einem gewissen Moment. Das heisst, es ist der erste Einbruch bei der Kaufkraft, wenn man von Arbeit zu Arbeitslosigkeit wechselt, wenn man Arbeitslosengeld bekommt. Und der zweite Absturz erfolgt, wenn man dann nur noch das soziale Minimum bekommt. Das heisst, Arbeitslosengeld gibt es in Frankreich 24 Monate und darum gibt es viele Arbeitslose, die nur noch das soziale Minimum bekommen. Das bedeutet eine Explosion der Armut, die durch die Zunahme der Langzeitarbeitslosigleit hervorgerufen wird.” Ende Januar 2012 waren 1.754.000 Arbeitssuchende bei den Arbeitsämtern registriert. Übereinstimmend wird vorausgesagt, dass sich die Langzeitarbeitslosigkeit 2012 nicht verbessern wird. Die Armutsgrenze liegt bei 950 Euro für einen Single-Haushalt. Laut Eurostat stieg die Armut von 2007 bis 2012 von 13,3 auf 13,5%. Durch Désindustrialisieung gingen in den letzten 10 Jahren in Frankreich 600.000 Arbeitsplätze verloren, auch diese Zahl stammt von Eurostat. Diese Jobs sind ganz einfach verschwunden oder in andere Länder verlagert worden. Kann man man davon etwas zurückholen ? Hören wir die Antwort des Journalisten Jean-Marc Vittori von der Zeitung “Les Echos”. Er sagt: “Es kann interessant sein für eine Firma, zurückzukehren, aber dabei stellen sich einige Fragen. Generell werden die Lohnkosten zu hoch sein. Man müsste das also durch die Senkung anderer Kosten ausgleichen. Das können Kosten innerhalb der Fabrik sein, Transportkosten, Entwicklungskosten oder die bessere Koordinierung von Abläufen innerhalb der Produktion. Man muss es ernsthaft abwägen. Dennoch kann durch Re-Lokalisierung nur ein kleiner Teil der Jobs wieder erlangt werden, die verloren gegangen sind. Das Wichtigste aber ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze, der Arbeitsplätze von morgen. Das ist für mich die entscheidende Frage.” Diese Grafik zeigt, wie unterschiedlich die Vorausagen verschiedener Institutionen zur Wachstumsentwicklung ausfallen. Die negative Prognose am Ende stammt vom französischen Institut OFCE. Und so sehen die Wachstumserwartungen aus: Französische Regierung: plus 0,5 % OECD plus 0,3 % IWF plus 0,2 % OFCE minus 0,2% Wenn das Wachstum nicht reicht sind die Chancen für einen Anstieg der Kaufkraft gering. In Frankreich stagniert sie seit dem vergangenen Jahr und soll im ersten Quartal 2012 weiter sinken. Vor allem die absolut notwendigen Ausgaben für die Verbraucher steigen. Wie sich das auswirkt erklärt der Projektleiter einer Verbraucherorganisation, Charles Pernin von CLCV (consommation, logement et cadre de vie). Er sagt: “Was wir die unvermeidlichen Ausgaben nennen, das sind solche für Wohnen, für Energie, Transport, aber auch die Versicherungen, die Ausgaben für Gesundheit und Kommunikation. Eine Reihe dieser Posten hat signifikanten Steigerungen erlebt, die es vor allem den Haushalten mit geringem Einkommen schwer machen, mit ihrem Budget auszukommen.”

Für 2012 wird eine geringe Inflationsrate vorausgesagt. Aber die Steigerung der Kosten für unbedingt nötige Ausgaben hat alle anderen Ausgabemöglichkeiten verringert. Das Sinken der Kaufkraft ist auch die Konsequenz einer Tendenz in der Gesellschaft. Es gibt immer mehr Single-Haushalte.
Dazu noch einmal der Journalist Jean-Marc Vittori : “Immer mehr Paare trennen sich.
Wenn man sich trennt, muss man doppelt Miete zahlen, man braucht zwei Kühlschränke, zahlt doppelt für Strom und da´mit sieht dann das Einkommen gar nicht mehr gut aus. Um das aufzufangen, wäre eine starke Kaufkraftsteigerung nötig. Die ist momentan nicht zu erwarten.
Und das hat wieder zur Folge, dass viele Franzosen den Eindruck haben, dass ihre Kaufkraft unter Druck gerät oder sogar sinkt.”
Logischerweise kaufen die Franzosen weniger:
2011 haben sie ihre Ausgaben um 0,5% reduziert im Verhältnis zum Vorjahr. Dazu kommt das chronische Defizit in der Außenhandelsbilanz. Frankreich importiert mehr als es exportiert.
Die französische Industrie exportiert vor allem spezielle Industrieprodukte auf sehr hohem Entwicklungsstand. Dazu gehören Raumfahrt und so umstrittene Bereiche wie Rüstung ( vor allem die Kampfflugzeuge Mirage und Rafale) und Atomkraftwerke. Zu den Diskussionen über die Sicherheit von Atomktaftwerke und möglichen Ausstieg aus der Atomkraft sagte Frankreichs Präsident Sarkozy, man werde doch nicht auf eine Technologie verzichten, bei deren Verkauf Frankreich so gut im Geschäft sei.
Aber die französische Industrie verliert ständig Marktanteile, weil im Bereich der höchsten Qualität ihre Konkurrenten besser positioniert sind. Im vergangenen Jahr wies die Außenhandelsbilanzein Defizit von 70 Milliarden Euro auf. Das waren 30 % mehr als 2010.
Thierry Pech, Chefredakteur der Zeitschrift “Alternatives Economiques” sagt dazu:
“ Wenn man eine Wirtschaft hat, die nicht exportfähig ist, nicht so exportfähig wie die deutsche, muss man versuchen, das auf dem Binnenmarkt auszugleichen. Die französische Wirtschaft ist hauptsächlich auf den Verbrauch im eigenen Land ausgerichtet, wie die amerikanische Wirtschaft, die 70% des BIP im Inland erwirtschaftet. Wenn dieser Verbrauch einbricht, verliert man einen wichtigen Wachstumsfaktor.” Die französische Regierung wird wohl noch andere Anstrengungen unternehmen müssen, wenn sie angesichts des für 2012 vorausgesagten schwachen Wachstums auch noch die Staatsschulden abbauen will. Öffentliche Ausgaben kürzen oder Steuern erhöhen? Strenge Sparpolitik oder Wachstum?
Zunächst wird erst einmal die Mehrwertsteuer erhöht.
Der euronews- Wirtschaftsjournalist Antoine Juillard
schlussfolgert:
“Für den Moment bleibt der französischen Regierung gar keine andere Wahl als zu sparen wie auch ihre europäischen Partner.Wenn sie von diesem Weg abweicht, reagieren sofort die Märkte, bei denen sie sich regelmäßig Geld leiht.
Das Ideal wäre, Wachstum mit Sparsamkeit zu verbinden, aber das Rezept dafür hat die französische Regierung bisher ebensowenig gefunden wie die anderen europäischen Regierungen.”