Eilmeldung

Eilmeldung

Experte: Das Angriffsrisiko radikaler Islamisten ist höher

Sie lesen gerade:

Experte: Das Angriffsrisiko radikaler Islamisten ist höher

Schriftgrösse Aa Aa

Euronews:
“Claude Moniquet, Sie waren Mitarbeiter der französischen Auslandsaufklärung und leiten heute das Europäische Zentrum für Strategische Nachrichten- und Sicherheitsdienste. Mohamed Merah ist tot und viele Fragen bleiben offen. In welchem Verhältnis stand er zu Al-Qaida? Hat er einen Auftrag ausgeführt, gehörte er der Dschihad-Bewegung an?”

Claude Moniquet:
“Man könnte Merah mit den Strukturen des Dschihad und dem weltweiten Dschihad in Verbindung bringen: Das betrifft seinen unverhältnismäßigen Lebensstil und seine Ausgaben. Seine Sozialhilfe betrug etwa 400 Euro pro Monat, zweimal monatlich mietete er Autos an, er kaufte Waffen, offenbar viele Waffen sowie Chemikalien zur Herstellung von Sprengsätzen. Auch zahlte er seine Miete. Jeder Fahnder muss sich fragen, woher das Geld kam. Allerdings habe ich Zweifel daran, dass er einer Organisation angehörte. Er kreiste wie ein freies Elektron um das Netzwerk Al-Qaida, was seinem Bild eines einsamen Wolfes entsprechen könnte.”

Euronews:
“Sind diese einsamen Wölfe an die Stelle organisierter terroristischer Strukturen getreten?”

Claude Moniquet:
“Sie haben diese nicht ersetzt, sie ergänzen sie. Wenn man von Al-Qaida spricht, sind drei Bedrohungen gemeint. Es geht um massive Angriffe wie jener vom elften September, Angriffe, die nur von Menschen bewerkstelligt werden, die über einen Kopf, Geld, Mittel und Zeit verfügen. Sie machen den Kern von Al-Qaida aus. Die zweite Gefahrenquelle sind Gruppen, wie es sie in Nordafrika, Saudi-Arabien oder im Jemen gibt. Deren Angriffe richten sich vor Ort gegen lokale oder ausländische Interessen, doch auch gegen uns. Ein Beispiel ist der Anschlag, der vor Jahren in Madrid stattfand. Die dritte Gefahrenquelle sind Terroristen, die hier geboren wurden und aufwuchsen. Dazu zählen Einzeltäter.”

Euronews:
“Wie viele junge, in Afghanistan oder Pakistan ausgebildete Dschihad-Kämpfer gibt es in Europa? Haben Sie eine Vorstellung davon, in welchen Ländern sie eine Gefahr darstellen?”

Claude Moniquet:
“Das ist schwer einzuschätzen. In Frankreich gibt es zweifelsfrei einige Dutzend davon. In Europa dürften es mehrere Hundert Personen geben, die entweder zur Einzeltäterschaft neigen oder sich einer offensiven Terrorzelle anschließen können.”

Euronews:
“Bei Mohamed Merah kam es offensichtlich mittels einschlägiger Internet-Seiten zu einer Selbstradikalisierung. Werden solche Seiten überwacht? Oder gibt es diesbezüglich Mängel, ein Versagen Frankreichs?”

Claude Moniquet:
“Es handelt sich um Websites, die, sobald sie identifiziert sind, gelöscht werden. Das wechselt, manchmal täglich. Die Adresse ändert sich, die neue wird in geschlossenen Foren weitergegeben. Es ist schwierig, diese Sites zu überwachen.”

Euronews:
“Worin unterscheidet sich ein Mohamed Merah von einem Anders Breivik, wenn es nicht um die Art der Indoktrinierung geht?”

Claude Moniquet:
“Es gibt eine Gemeinsamkeit. In beiden Fällen handelt es sich um Psychopathen. Was sie unterscheidet ist die Ideologie. Leute wie Breivik eignen sich die Ideologie der Neonazis an. Sie werden scharf überwacht. Die radikalen Islamisten aber sind viel zahlreicher, statistisch gesehen ist damit auch das Angriffsrisiko höher.”