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Frankreich - Land der Gleichheit?

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Frankreich - Land der Gleichheit?

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Dies ist die erste französische Präsidentschaftswahl
seit im Weißen Haus ein Farbiger regiert.Der Sieg des auch in Frankreich sehr populären Barack Obama hat die Aufmerksamkeit der Franzosen auf diesen besonderen Aspekt der Ungleichheit gelenkt, auf jene, die man hier ihrer Hautfarbe wegen die “sichtbaren Minderheiten” nennt.
Werden die wichtigsten französischen Parteien eines Tages auch einen nicht-weißen Kandidatren präsentieren? Und wie ist die Lage 2012?
Michèle Bouchet sucht Antworten.

Könnte Frankreich eines Tages auch einen farbigen Präsidenten haben? Sehr wahrscheinlich ist das nicht, obwohl 2008 in einer Umfrage 80% erklärt hatten, sie würden so einen wählen. Das war, als sie Obama in den USA den Sieg wünschten. Dessen Popularität ist in Frankreich ungebrochen.
Straßenumfrage an einen Vorfrühlingstag in Paris:
Die junge Frau findet das gut, betrachtet es als einen wirklichen Wandel der Mentalität in den USA.
Auch der ältere Herr äußert sich zufrieden, wünscht, dass Obama wiedergewählt wird.
Schwieriger wird es bei der Frage, ob das auch in Frankreich möglich sei. Da sagt der ältere Herr:
“Frankreich ist anders” und verweist auf Umfragen zu populären Sportlern oder Sängern. Yannick Noah etwa. Den würde man aber niemals zum Präsidenten wählen.
Die Frau auf Einkaufstour würde sich nicht daran stören, wenn einer mit anderen Wurzeln käme, meint aber, so einer würde sichgar nicht erst zur Wahl stellen.

Patrick Lozes, ein Franzose mit ganz dunkler Haut, ist Präsident der Partei “Allez la France” – zu übersetzten etwa mit “Vorwärts, Frankreich”. Er wollte Präsidentschaftskandidat werden. Es fanden sich aber unter den 42.000 dafür infrage kommenden Politikern keine 500, die bereit gewesen wären, mit ihrer Untrerschrift seine Bewerbung zu unterstützen.
2002 hat es einmal eine farbige Frau aus Guyana soweit geschaft. Christiane Taubira trat für eine kleine Mitte-Links-Partei an. Zehn Jahre später hat es trotz Obama-Effekt kein Kandidat der “sichtbaren Minderheiten” geschafft. Sie meint:
“Weil es für die großen Parteien selbst kein wichtiges Thema ist. Und weil es bei diesem Personenkreis eher die Tendenz gibt, sich an der Basis zu engagieren, auf lokaler Ebene. Sie beteiligen sich nicht am Kampf um die Macht in ihrer Partei. Folglich muss man zuerst die Parteiführungen erobern, ehe man zum Kampf um die Macht als solche antreten kann.” Patrick Lozès von “ Allez la France”, sieht noch einen anderen Grund: « Wir haben eine Pariser Elite, die sich gegenüber der Vielfalt der Gesellschaft total abschottet. Man muss aber auch sehen, dass unsere Mitbürger, die aus der Provinz kommen, noch nicht ihren Platz gefunden haben, das trifft auch auf die Frauen zu , auf Leute mit Akzent.”
CHRISTIANE TAUBIRA kommt noch einmal auf den “Obama-Effekt” zurück: «Ich halte den Obama-Effekt für etwas vorübergehendes, für eine Art ´Tartuffe-Effekt´, benannt nach dieser Moliere-Figur, die eigentlich nur ein Schaumschläger ist. Die ganze Begeisterung ist aufgeblasen – und nichts dahinter. Da ist kein Nachdenken , keine echte Suche nach dem Platz, den diese Franzosen einnehmen sollten.

Amirouche Laidi, Franzose mit Wurzeln in Nordafrika, ist stellvertretende Bürgermreister in Suresnes vor den Toren von Paris. Er weist auf die Rolle der Medien hin. Und auf die Politik, die die Parteien innerhalb ihrer Mitgliedschaft betreiben. Sein Credo lautet: “Diese heutige Vielfalt muss sich im Alltag widerspiegeln, in all den täglichen Banalitäten. Sie ist im Fernsehen unter-repräsentiert. Die Politik macht da wenig Mut, die Vielfalt findet sich eben nicht auf den Kandidatenlisten wieder.”

Das Land hat Millionen Bürger, die zu diesen “sichtbaren Minderheiten” gehören.
Es reicht nicht, die Kolonien umzubenennen in “Territorien auf der anderen Seite des Meeres”.
Dadurch wird die Geschichte von Sklaverei und kolonialer Unterdrückung nicht ausgelöscht – und auch nicht bewältigt.
Der Soziologe Eric Keslassy hat sich ausführlich mit der Unter-Repräsentation dieser Bürger in den Parlamenten beschäftigt. Er weist auf entscheidende Mängel hin: “Weniger als ein Prozent der Abgeordneten der Nationalversammlung gehören zu den sichtbaren Minderheiten. Wir haben ein solches Missverhältnis zwischen der soziologischen Realität und deren Vertretung im Parlament, was einfach nicht gut sein kann für die Lebenskraft der Demokratie. Die Franzosen müssen grundsätzlich zur Kenntnis nehmen, dass ein Franzose nicht unbedingt ein Weißer sein muss. Wenn dieses Bewusstsein erst einmal da ist, dann gilt es, weitere Vorurteile zu erkennen und zu bekämpfen, damit die Gleichheit vor dem Gesetz respektiert wird.”
Nur ein paar Schritte sind es von der Nationalversammlung in Paris zum Museum am Quai Branly. Dort wird eine sehr interessante Ausstellung gezeigt: “Die Erfindung der Wilden”
Der Historiker Pascal Blanchard hat zusammengetragen, was an Belegen überliefert ist für die menschenverachtende Art, wie Menschen anderer Hautfarbe wie Tiere im Zoo vorgeführt und begafft wurden. Er erklärt: “Eine Ausstellung wie diese stellt den Zusammenhang her, aus dem sich unsere Betrachtungsweise entwickelt hat. Sie lässt verstehen, wie sich über die Jahre hin in einer gemischten Gesellschaft wie der unseren Stereotype im Blick auf die jeweils ´anderen´herausgebildet haben. Das heisst, diese Unter-Repräsentation in bestimmten Bereichen der Gesellschaft sind nicht zufällig entstanden – sondern historisch.”
Euronews-Reporterin Michèle BOUCHET hinterfragt Begriffe, wenn sie sagt:
“Sichtbare Minderheiten”, “Vielfalt”,
“Migrationshintergrund” – das sind alles Begriffe, mit denen Politiker und Medien jene Franzosen beschreiben, die keine weiße Haut haben.
Lauter ungenaue Begriffe, hinter denen sich ein Unbehagen zu verbergen scheint.”

PATRICK LOZES sagt zu solchen Worten:
“Ich denke, hinter diesen Worten steckt unser schlechtes Gewissen”.
Und Pascal BLANCHARD erinnert darin, dass Worte auch verwirren können, wenn er sagt:
“Worte verbergen immer die Schwierigkeit, etwas zu benennen. In den USA kann man das Wort ´Rasse´benutzen. In Frankreich ist es negativ besetzt, selbst wenn man es wissenschaftlich meint. Es ist immer problematisch, wenn die Mehrheit die Minderheit beschreibt.”
Cuong Pham Phu, Franzose vietnamesischer Abstammung, engagiert sich für sein Heimatland Frankreich. Als Stadtrat in seinem Wohnort und er bewirbt sich um einen Sitz in der Nationalversammlung. Er will den Franzosen asiatischer Abstammung eine Stimme auf der politischen Bühne geben. Er berichtet, wie schmerzhaft er schon vor den Kopf gestossen wurde: “Als ich mit der Gattin eines ehemaligen sozialistischen Abgeordneten über meine Heimatliebe sprach, antwortete sie:
´Dein Land ist da, wo du herkommst, nicht Frankreich. Für dich ist es Vietnam´. Da wo du herkommst. Das hat mich sehr getroffen.”

Solche Beispiele sind in Frankreich auch in den Höhen von Politik und Kultur keine Einzelfälle: 2009 sagte zum Beispiel Innenminister Brice Hortefeux über Franzosen arabischer Herkunft: “Es geht, solange nur einer da ist. Sobald es viele werden, kommen die Probleme.”

Auch andere Prominente wie der Parfüm-Designer Jean-Paul Guerlain machen immer mal wieder mit rassistischen Äußerungen von sich reden.

Die Ausstellung im Museum Branly läd übrigens ein, auch über andere Vorurteile nachzudenken.
Sich zu fragen: Was ist wild, was normal?