Eilmeldung

Eilmeldung

Wie weiter in Tunesien? Eine Abgeordnete der verfassungsgebenden Versammlung im Gespräch

Sie lesen gerade:

Wie weiter in Tunesien? Eine Abgeordnete der verfassungsgebenden Versammlung im Gespräch

Schriftgrösse Aa Aa

Ein Jahr ist vergangen, seit die Revolution Tunesien verändert hat. Wie läuft die Arbeit der verfassungsgebenden Versammlung. Welche Zukunft eröffnet sich da den Frauen, Männern, Jugendlichen, die mit der Revolutuion das alles angestoßen haben? Darüber sprechen wir mit Karima Souid, Abgeordnete der Mitte-Links-Partei
ETTAKATOL. Ein Ausschnitt aus ihrem Wahlvideo von 2011 klingt so:
“Bonjour je suis Karima Souid, je suis la tête de liste de Ettakatol France Sud…”
Im Wahlvideo stellte sie sich auf Französisch vor, denn sie trat in Frankreich an, bei den Auslands-Tunesiern. Zur Partei Ettakatol fand die junge Frau mit doppelter Staatsbürgerschaft im Februar 2011.
Ihre Partei ist keine Neugründung des “arabischen Frühlings”. Es gibt sie schon seit 1994.
In Frankreich ist es normal, dass bei Wahlen in den Heimatländern der Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft der Urnengang einige Tage eher stattfindet als im Heimatland. Rund 300.000 Tunesier hatten sich in Frankreich in die Wahllisten eintragen lassen und am 20. Oktober 2011 abgestimmt – drei Tage vor dem offiziellen Wahltag in Tunesien selbst. “Ich bin stolz, Tunesier zu sein”, sagte dieser Wähler im Lyonnaiser Vorort Vénissieux, wo auch Karima Souid lebt, nach der Stimmabgabe. “Ich habe zum erstenmal gewählt und hoffe jetzt, dass sich unser Land in demokratische Richtung gewegt.”

Für die sozialdemokratisch orientierte Partei Ettakatol war das Ergebnis allerdings enttäuschend.
In Tunesien kam sie auf den dritten Platz, hier im Wahlkreis Süd-Frankreich nur auf den vierten.
Der große Sieger die war Rached Gannouchi mit seiner Partei der moderaten Islamisten, Ennahda.
Unter Ben Ali war sie verboten. Bei dieser ersten freien Wahl bekam sie in Tunesien 41,47% der Stimmen, in Süd-Frankreich 30,86%.
Im Dezember wählten die Abgeordneten dann mit
Moncef Marzouki einen Präsidenten, der für Trennung von Religion und Staat eintritt.
Dafür waren die Islamisten einen Kompromiß eingegangen, es gab eine Absprache mit der nicht-religiösen, sozialdemokratisch orientierten Mitte-Links-Partei Ettakatol.

Geboren und aufgewachsen in Vénissieux, einer Vorstadt von Lyon, ist Karima Souid eine von zehn gewählten Vertretern, die die Tunesier in Frankreich in der verfassungsgebenden Versammlung vertreten.

Sie ist ein Neuling in der Politk, aber fest entschlossen, ihre Meinung einzubringen.

euronews:
“Was hat sich seit der Revolution in Tunesien verändert?”

Karima Souid:
“Im Tunesien von heute geht man mit erhobenem Kopf durch die Straßen. Wir hatten freie Wahlen, die ersten freien Wahlen in Tunesien. Demokratische Wahlen, wir haben eine verfassunggebende Versammlung und arbeiten an der künftigen Verfassung. Wir wollen eine zivile und keine islamische Republik. Es stimmt, dass wir im Moment riesige Diskussionen in einigen Kommissionen haben. Vor allem in der islamischen Ennahda-Partei gibt es einen extrem radikalen Flügel, der die Scharia in der Gesetzgebung verankern will. In meiner Ettakatol-Partei wollen wir keine antirepublikanische Verfassung. Meiner Meinung nach ist das tunesische Volk tief in seiner arabisch-islamischen Identität verwurzelt, aber das hat nichts damit zu tun, die Scharia in der Verfassung zu verankern – zumindest nach der Meinung unserer Partei.”

euronews:
“Alle Parteien haben im Wahlkampf versprochen, demokratische Rechte und die Rechte der Frauen zu verteidigen. Glauben Sie, dass diese Versprechen gehalten werden?”

Karima Souid:
“Es gibt tatsächlich einige Bedenken. Wir können uns nicht vor der Tatsache verstecken, dass wir sehr wachsam sein müssen. Unsere Partei hat versprochen, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um diese Rechte zu verteidigen, weil sie Teil unserer Wertvorstellungen sind. Wir werden die Rechte der Frauen nicht antasten, wir sind eine sozial-demokratische Partei. Die Bürger müssen in die Geschehnisse ihres Landes einbezogen werden. Transparenz ist natürlich wichtig. Ich würde gern auf das Konzept des so genannten “open government” zurückkommen. Der Bürger muss über alles, was in seinem Namen geschieht, informiert werden, der Bürger steht im Mittelpunkt der Gesellschaft.”

euronews:
“Europa schien die Revolutionen des arabischen Frühlings gutzuheißen. Glauben Sie derzeit an eine europäische Unterstützung?”

Karima Souid:
“Europa war auf unserer Seite?
Wir fühlten uns allerdings sehr allein. Ich habe es verstanden, dass wir unsere Partnerschaften auffächern und die multilaterale Weltkarte ausspielen mussten, wir konnten nicht nur Europa um Hilfe bitten. Aber das ist es nicht, worum es im Moment in Tunesien geht.”

40 Jahre war Karima Souid Projektleiterin in einem Tourismus-Unternehmen. Aber sie hat keinen Moment gezögert, ihre Karriere für dieses schöne, aber risikoreiche Abenteuer aufzugeben.

Karima Souid:
“Für mich war diese Entscheidung sehr wichtig, denn Tunesien ist meine Heimat, es ist das Land meiner Eltern. Es ist meine Heimat genauso wie Frankreich. In Tunesien muss alles neu gestaltet werden. In Tunesien fragst du nicht viel, sondern du handelst. Und ich habe keinen Moment gezögert. Man muss sich diesem Rendezvous mit der Geschichte stellen. Und auch wenn mein Beitrag noch so klein ist, für mich ist es eine Art Renaissance.”