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Kosovos Traum von Olympia

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Kosovos Traum von Olympia

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Kosovo darf vermutlich nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen. Denn das Internationale Olympische Komitee erkennt Kosovo nicht an. Noch nicht. Ein schwerer Schlag für viele Sportler. Doch die Besten von Ihnen dürfen vielleicht doch nach London und dort als Unabhängige unter der olympischen Flagge an den Spielen teilnehmen. Alles hängt nun ab von der nächsten Sitzung des IOK im Mai, in Kanada. Das Europaparlament hat das IOK aufgefordert, im Umgang mit Spitzensportlern aus dem Kosovo Entgegenkommen zu zeigen und Ihnen eine Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in London zu ermöglichen.

Kosovo träumt von Olympia. Auch Majlinda Kelmendi. Die Zwanzigjährige gehört zur Weltspitze. Doch wir sind hier im Ippon Judo-Klub von Peja, im Kosovo. Und deswegen ist es eine politische Entscheidung, ob die Spitzensportlerin bei den Sommerspielen in London die Fahne des Kosovo tragen darf.

Solange das Internationale Olympische Komitee kein grünes Licht gibt, wird die Kosovohymne auch dann nicht erklingen, wenn Majlinda Gold oder Silber holt.

89 Staaten, Weltbank und Internationaler Währungsfonds haben Kosovo anerkannt. Die Olympia-Funktionäre in Lausanne aber noch nicht.

Politik kann Träume zerstören. Kelmendis Trainer Driton Kuka hat die bittere Erfahrung bereits hinter sich. Als 19-Jähriger sollte er zu den Spielen in Barcelona. Dann beendete der Jugoslawienkrieg seinen Traum von Olympia. Doch Majlinda wird es schaffen, davon ist Driton Kuka überzeugt: “Wir haben alles Menschenmögliche getan, um an die Weltspitze zu kommen. Du bist so weit. Und gut vorbereitet. Jetzt hängt alles nur noch von dir ab, von deiner inneren Ruhe, deiner Willenskraft. Wenn du bei den Olympischen Spielen antrittst, und tief in deinem Inneren stark und cool bleibst, dann wirst du eine Medaille holen.”

Auch Majlinda ist überzeugt: “Wenn ich mich gut fühle, dann kann ich jede Rivalin meiner Gewichtsklasse besiegen. Das ist mir ja auch schon oft genug gelungen: Ich habe die weltbesten Judoka der Reihe nach auf die Matte gelegt. Naja, die erste Runde ist manchmal schwierig. Doch am Ende gewinne ich. Das Selbstvertrauen ist da. Ich werde gewinnen.”

Die Wände in Peja sind mit Judo-Graffitti und Majlinda-Herzchen bedeckt. Majlinda denkt schon ans Kofferpacken. Denn wenn das Internationale Olympische Komitee Kosovo nicht anerkennt, könnte sie vermutlich bald eine persönliche Einladung des IOK im Briefkasten finden, als Unabhängige unter der Olympiafahne in London anzutreten.

2009 wurde sie Junior-Weltmeisterin, 2010 Europameisterin. Im letzten Oktober gewann sie in drei Wochen drei Weltcup-Goldmedaillen. Majlinda ist Weltklasse. Und weil sie auch einen albanischen Pass hat, möchte das Nachbarland Albanien Majlinda gerne abwerben. Auch andere Staaten locken mit Geld. Majlinda erzählt: “Ich bekomme eine Menge Angebote, darunter auch richtig gute, wie das aus Aserbaidschan. Die haben mit dem großen Geld gewunken, echt verlockend. Doch ich will für Kosovo antreten. Schließlich bin ich die einzige Kosovo-Athletin mit offiziell anerkanntem Olympia-Niveau.”

“Ich bin superstolz auf dich und deine Medaillen, auf deine Siege in all den Wettbewerben. Wirklich stolz. Du machst das prima. Wenn wir dich gewinnen sehen, haben wir Freudentränen in den Augen”, sagt die Mutter.

In der Hauptstadt Pristina laden Majlinda-Plakate die Kosovaren ein zum Olympia-Traum. Ende März reichte Kosovo das schriftliche Gesuch um Anerkennung durch das Internationale Olympische Komitee ein. Doch Länder wie Serbien, Spanien, Russland und Zypern blockieren.

Die Zeit läuft. Im Mai werden sich die Olympia-Manager zum letzten Mal vor Spielbeginn treffen, in Kanada. Dann wird die Entscheidung fallen. Kosovos oberster Olympia-Lobbyist Besim Hasani übt sich in Zweckoptimismus: “Ich bin sicher, dass wir in den verbleibenden zwei Monaten sowohl auf der politischen wie auch auf der technischen Seite Fortschritte machen. Wir werden beide Kriterien erfüllen. Und wir werden bei den Olympischen Spielen mitmachen dürfen.”

Im Sportzentrum Pristinas sind wir mit Urata und Lumturie verabredet. Die Cousinen sind ebenfalls in der olympischen Norm, zumindest inoffiziell. Aber da der Sportschützenverband Kosovos aus politischen Gründen kein Mitglied des internationalen Sportschützenverbandes ist, verwandelt sich der Spitzenschuss ins Schwarze, in einen Schuss ins Leere. Dreimal bat Kosovo um Mitgliedschaft im internationalen Schützenverband, dreimal umsonst.

“Sportschützen gibt es schon seit 1922 im Kosovo. Doch diese Ladies hier sind wie Vögel in einem Käfig: Sie dürfen nicht an überregionalen Wettbewerben teilnehmen, weil uns die Mitgliedschaft im internationalen Schützenverband verwehrt bleibt”, sagt Ali Pllana, Präsident des Sportschützenverbands.

Um sich mit anderen Top-Schützen zu messen, blieb den Cousinen lediglich die Teilnahme an Freundschafts-Schießen mit Albanien und Mazedonien. Die Damen mit den Schießeisen nehmen die Olympia-Debatte gelassen: wenn es diesmal nicht klappt, dann vielleicht beim nächsten Mal.

“Der Traum eines jeden Sportlers sind Medaillen und im Ausland für sein Land zu gewinnen. Das spornt an”, sagt Urata Rama. “Falls man den Informationen, die wir haben, Glauben schenken darf, dann ist es so gut wie ausgeschlossen, dass unser Land – Kosovo – bereits an den kommenden Sommerspielen teilnehmen kann. Doch wir geben nicht auf. Bei Olympia mitzumachen und dort unsere Heimat zu vertreten ist unser aller Traum. Vielleicht klappt es ja 2016.”

Wir fahren nach Mitrovica, eine Stadt im Norden. Neben Politik ist da auch noch das Problem mit dem Geld. Um vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt zu werden, muss ein Land Sportanlagen vorweisen können, sich um Breiten- und Spitzensport kümmern.

Doch um die Sport-Infrastruktur ist es schlecht bestellt. Kosovos Spitzenläufer, Astrit und Musa, müssen dreihundert Kilometer zurücklegen, nur um eine anständige Bahn unter die Füße zu bekommen.

“Wir trainieren unter schwierigsten Bedingungen. Normalerweise rennen wir einfach quer durch die Berge. Und im Winter liegt da Schnee. Vergessen Sie nicht, dass wir Bauern sind. Die Trainingsbedingungen sind katastrophal, wir haben weder Stadion noch Sporthalle”, erzählt Astrit. Und Musa fügt hinzu: “Mein Wunschtraum – so wie der vieler anderer Sportler – ist die Teilnahme an Olympia. Oder an einer anderen internationalen oder europäischen Meisterschaft oder auch an einer Regionalmeisterschaft mit unseren Balkannachbarn.”

Auch Kosovos Läufer sind international nicht anerkannt. Nur drei Sportverbände Kosovos durften Mitglied werden im jeweiligen internationalen Verband: Tischtennis, Gewichtheben und Bogenschießen. Doch für ein Olympia-Ticket braucht Kosovo mindestens fünf international anerkannte Sportverbände.

“Für manche Länder ist es ganz schön schwierig, ein Visa zu erhalten. Nun, glücklicherweise gibt es auch Staaten, die die Lage unserer Sportler verstehen, doch andere machen Schwierigkeiten”, erklärt Driton Haliti, der Vizepräsident des
Kosovo-Leichtathletik-Verbandes.

Trainer Zijadin Kryeziu meint: “Da werden doch die Menschenrechte mit Füßen getreten. Sport ist doch etwas Soziales, damit Menschen zusammenfinden. Sport soll doch dem Frieden und der Völkerverständigung dienen, und nicht dem Hass.”

Viele Spitzensportler wandern aus: Boxer und Bogenschützen nach Deutschland, Profi-Fussballer in die Schweiz, nach Italien oder Grossbritannien. Die Liste ist lang. Majlinda Kelmendi steht nicht auf ihr. Sie entschied sich für ihre Heimat Kosovo.

Besim Hasani erklärt: “Die Folgen dieser Abwanderung sind ganz enorm: Tag für Tag verlieren wir unzählige Sportler. Die Sportklubs schließen. Und das Ergebnis ist, dass mittlerweile nur noch ein Prozent der Bevölkerung aktiv Sport treibt.”

In Pristina gibt es kein öffentliches Hallenbad. Als die Zeqiris das Talent ihrer Tochter Rita erkannten, pendelten sie täglich nach Skopje, Hauptstadt des benachbarten Mazedoniens. Schließlich baute Ritas Vater ein privates Trainingsbecken. Er sagt: “Der Sport ist fast tot, im Kosovo. Wir haben nicht genügend Gelegenheiten, uns mit anderen Sportlern zu messen, an Wettbewerben teilzunehmen. Deshalb fällt unser sportliches Niveau. Die internationalen Institutionen sollten sich bewegen, uns helfen, uns eine Chance einräumen.”

Wird der Olympia-Traum doch noch Wirklichkeit? Euronews fragte nach beim Internationalen Olympischen Komitee in der Schweiz. “In naher Zukunft ist das sehr unwahrscheinlich”, lässt das IOK verlauten. Doch die sechzehnjährige Rita gibt die Hoffnung nicht auf: “Ich appelliere an das Internationale Olympische Komitee, Kosovo zu den Olympischen Spielen zuzulassen. Lassen Sie die Politik beiseite, bitte, und helfen Sie dem Sport im Kosovo. Wir verdienen das. Wir sind gut. Und es gäbe allen Sportlern einen gewaltigen Auftrieb.”

Werden diese Kinder in einer Welt aufwachsen, in der Kräftemessen zwischen Vereinen, Nachbarn, Regionen und Staaten möglich ist, für alle? Oder werden sie auf Jahre und Jahrzehnte ausgeschlossen bleiben von sportlicher Anerkennung, vom Traum Olympia?

Das Europäische Parlament hat nun in einer Resolution das IOK aufgefordert, Spitzensportlern aus dem Kosovo die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in London zu ermöglichen.