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Die Legende vom charmanten Franzosen - und die Realität von Frauenrechten in Frankreich

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Die Legende vom charmanten Franzosen - und die Realität von Frauenrechten in Frankreich

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Vor fast einem Jahr erregte sich ganz Frankreich über die Affäre Dominique Strauß-Kahn. Der damalige IWF-Chef wurde beschuldigt, in einem New Yorker Hotel ein Zimmermädchen belästigt zu haben. Was ist geblieben von der Debatte um den Mann, der damals als möglicher Präsidentschaftskandidat galt? Wie sieht es heute mit der Gleichberechtigung in Frankreich aus.
Ariane Tilve sucht nach Antworten.

Über den mächtigen Mann hiess es in einem Kommentar, der habe “ einfach nur ein einem Dienstmädchen herumgefummelt”. Vor 63 Jahren hatte Frankreichs intellektuelle Vorkämpferin für Frauenrechte, Simone de Beauvoir, vom Recht des “zweiten Geschlechts” geschrieben. Aber immer noch bekommen die Französinnen im Schnitt bei gleicher Arbeit 27 % weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Sie leisten 80% der Hausarbeit in den Familien. Der berufliche Aufstieg scheitert dann oft an dieser Doppelbelastung.

Olga Trotzkiansky, Präsidentin der französischen Sektion der “Europäischen Lobby-Koordinierung der Frauen” sieht in dem Ganzen auch einen optimistischen Aspekt. Daher an sie die Frage:
“Ist die DSK-Affäre auf dem Skandal-Niveau stecken geblieben oder sind durch sie auch wieder Frauenfragen stärker in die Medien gekommen?” Olga Trotziansky sagt: “Die DSK-Affäre war überall in Frankreich Gesprächsthema.
Eine gewisse Anzahl von Intellektuellen, französischen Männern, hat versucht, Strauß-Kahn zu unterstützen und zu verteidigen.
Es war das Hauptthema auf den Dinnerparties.
Für mich ist das Interessante daran, dass sowohl Männern als auch Frauen bewusst wurde, dass es sich um Sexismus handelte….”
Reporterfrage: “Sie publizieren regelmäßig Umfragen zum Thema Gleichberechtigung. Können Sie uns sagen, wie die Franzosen dazu stehen?”
Sie antwortet: “ Die Franzosen und Französinnen haben sich erstmalig in diesem Land eingestanden, dass sie durch sexististe Stereotypen beeinflusst sind. Das war neu. Vorher hörte man in Frankreich nur:
“Die anderen denken so, ich nicht…”

Während in den einen Lobby-Organisationen um die gleichen Aufstiegschancen für Frauen im Beruf gerungen wird, führen andere den Kampf gegen die all-tägliche Gewalt, die Frauen angetan wird.
Die heute bekannteste Organisation heisst
“Ni Putes, ni soumises” – zu übersetzen etwa mit “Weder Hure noch unterwürfig”. Sie entstand 2002 aus spontanen Protesten jungen Frauen, nachdem ein junger Mann seine 17jährige Freundin wegen angeblich “unmoralischem” Verhalten lebendig verbrannt hatte. Heute steht Asma Guénifi an der Spitze der Organisation, die besonders gegen häusliche Gewalt kämpft. Sie sagt: “Wir sind schon erstaunt darüber, dass keiner der Kandidaten über Gewalt gegen Frauen spricht.
Dennoch hat die Strauß-Kahn-Affäre mehr Frauen dazu gebracht, sich zu äußern und das Thema auch in die Medien gebracht..
Aber kein Kandidat hat darauf reagiert.”

Die Frauen haben es sehr schwer, mit den Männern gleichzuziehen. Schlimmer noch, viele von ihnen leiden unter Gewalt in ihrer Partnerschaft.
Ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne eigenes Einkommen stecken sie oft wie Gefangene in der Wohnung fest. In Frankreich stirbt alle 2 Tage eine Frau unter den Schlägen ihres Partners. In Frankreich! 2012!
Die Organisation hat sich im vergangenen Jahr allein in ihren Pariser Büros um mehr als 4.000 Frauen in Not gekümmert. Priorität hatte dabei die Suchen nach einem Obdach für die Opfer, denn Frauenhäuser sind rar. Gabrielle Apfelbaum, eine andere Mitarbeiterin, sagt: “ Wir haben in Frankreich viel zu wenig Frauenhäuser. Die Frauen kommen oftmals in billigen Hotels unter, leben dort unter schwierigen bedingungen und außerdem kommt diese Art Schutz den Staat teuer zu stehen.”

Man weiss, dass nur 10 % der Opfer Anzeige erstatten. Damit hat Frankreich noch sehr viel Nachholebedarf, auch bei der juristischen Aufklärung und Beratung der Frauen.
Obwohl die Strauß-Kahn-Affäre immer noch weiteren Medienwirbel verursacht, redet keiner der
Präsidentschaftskandidaten über dieses Thema.
Auch nicht die Kandidatinnen! Sollten die Themen Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen die Wähler etwa nicht interessieren?
Danach fragen wir die Soziologin Christine Delphy.
“ Es scheinen die Wähler vorrangig Dinge zu interressieren, die sie nichts kosten. Da gibt es zum Beispiel diese Losung “Mehr Feminismus wagen”. Ich habe nichts dagegen, wenn jetzt in offiziellen Dokumente das Wort “Mademoiselle” – also “Fräulein” – gestrichen wird. Das ist eine gute Reform. Auch weil sie überhaupt nichts kostet. Man streicht eine Zeile in Dokumenten und spart Tinte. In Spanien gibt es seit 15 Jahren immer, wenn eine Frau von ihrem Partner getötet wurde, Schlagzeilen auf den Titelseiten, ausfürliche Fernsehberichte , und Proteste der Nachbarn. Haben Sie in Frankreich sowas schon einmal in der Zeitung gelesen? Wohl eher nicht. Es gibt in Frankreich einen speziellen Widerstand gegen Rassismus, der sich besonders gegen Magrebhiner richtet.
Diesem Rassismus – bei dem Verbindungen zu islamischen Glauben der meisten Magrebhiner hergestellt werden – werden alle Untaten der Erde zugeordnet, ganz besonders der Sexismus.
So können sich die weißen Männer überlegen fühlen, meinen, sie seien nicht angesprochen, nur die Araber seien sexistisch und gewalttätig gegen Frauen. So bleiben bei den Leuten nur die arabisch klingenden Vornamen von Opfern und Tätern hängen. Nur solche Affären kommen breit in die Medien. Aber die meisten der jedes Jahr in Frankreich getöteten Frauen heissen nicht Soane oder Scheherasade – sie heissen eher Monique oder Catherine …. und sie sterben von der Hand eines Pierre oder Michel..”

Frankreich war beim Frauenwahlrecht ziemlich spät dran – erst 1944 liess General de Gaulle auch Wählerinnen an die Urnen. Andererseits hat Frankreich gute Einrichtungen für berufstätige Mütter. Da könnte Deutschland sich manches abschauen. Mit Schwarz-Weiß-Malerei kommt man hier also nicht weiter.
Die euronews-Reporterin schlußfolgert:
“Der Kampf um echte, umfassende Gleichberechtigung ist bisher in Frankreich ebensowenig gewonnen wie der Kampf gegen partnerschaftliche Gewalt.
Auch das wird zu bedenken haben, wer immer die Präsidentenwahl gewinnt.”