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Verdächtigungen 2 Jahre nach Absturz der polnischen Präsidentenmaschine

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Verdächtigungen 2 Jahre nach Absturz der polnischen Präsidentenmaschine

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Zwei Jahre ist es jetzt her. Am 10 April 2010 um 10 Uhr 41 Ortszeit stürzte die polnische Präsidentenmaschine beim Landeanflug auf den Flughafen im russischen Smolensk ab. 96 Menschen starben. Neben Polens Staatsoberhaupt Lech Kaczynski und dessen Gattin hochrangige Vertreter der politischen und militärischen Elite Polens.
Zur Trauerfeier acht Tage später kam auch der russische Präsident Dimitri Medwedew.

Denn es hatte ein ganz besonderes Treffen mit der russischen Staatsführung in der Nähe von Smolensk werden sollen. Man wollte gemeinsam der 70 Jahre zuvor vom sowjetischen Geheimdienst in Katyn ermordeten polnischen Offiziere gedenken.
Aus einer Zeremonie der Versöhnung wurde durch das Unglück ein Anlaß für neues Misstrauen, neue Verdächtigungen.

Bis heute halten sich in Polen hartnäckig Verschwörungstheorien. Bei einer Umfrage äußerten in dieser Woche 18 Prozent der befragten Polen die Meinung, es habe sich um einen Anschlag auf ihren Präsidenten gehandelt. Die Untersuchungskommission hatte die extrem schlechte Sicht im Nebel, mangelnde Beleuchtung der Landebahn und Pilotenfehler als Ursachen für den Absturz der Tupolew 154 genannt.

Zwei Jahre später vergiftet dieses Drama immer noch die polnisch-russischen Beziehungen
Donald Tusk, dessen Bürger-Partei im Herbst 2011 die Parlamentswahlen gewann, hatte mangelnde Einbeziehungen polnischer Experten in die Untersuchung vor Ort beklagt. Auch von Fehlern der russischen Fluglotsen war die Rede, die – so der Vorwurf aus Warschau – die russische Seite unter den Tisch fallen ließ.

Der Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Präsidenten musste mit seiner Partei “Recht und Gerechtigkeit” in die Opposition. 2015 sind in Polen wieder Präsidentenwahlen. Da will es Jaroslaw Kaczynski erneut versuchen. Er mutmaßt, sein politischer Gegner Donald Tusk könnte für den Absturz verantwortlich sein. Wörtlich: “ In Polen und im Ausland gab es Personen, denen der Tod von Lech Kazcynzki nutzte.”

In der bereits zitierten jüngsten Umfrage der Zeitung “Gazeta Wyborcza” zum zweiten Jahrestag des Absturzes meinten 32 Prozent der Befragten, dass die russischen und die polnischen Behörden die Wahrheit vertuschen.

euronews: Zugeschaltet ist uns jetzt Bartlomiej Biskup, Analyst an der Universität Warschau. Ist das Drama von Smolensk noch immer Gegenstand der polnischen Politik?

Biskup: Politisch wird dieser Fall vermieden, aber die Bevökerung verlangt die Aufklärung dessen, was passiert ist.

euronews: Wie kann einem Politiker Smolensk heute nutzen?

Biskup: Also, ich glaube, dass Sie als Politiker versuchen können, jedes Detail der Katastrophe zu erklären. Auf russischer Seite gibt es nach wie vor viele ungeklärte Punkte. Das Wrack ist immer noch in Russland, obwohl es polnisches Eigentum ist. Die Ermittlungen werden wohl noch andauern, und wenn man sich die polnisch-russische Geschichte ansieht, könnte es wohl noch eine lange Zeit dauern. Aber schließlich ist der Fall auch sehr wichtig.

euronews: Kann es ein Anschlag gewesen sein?

Biskup: Von dem, was wir bisher wissen, war es kein Anschlag. Aber nicht alles, was geschah, können wir erklären.

euronews: Wem hätte der Mord der polnischen Delegation in Katyn genutzt?

Biskup: In Politik und Wirtschaft gitb es viele Interessengruppen, etwa aus dem Gas- und Ölgeschäft. Dann soltten wir nicht vergessen, dass Lech Kaczynski dabei war, die Staaten Zentral- und Osteuropas enger zusammenzubringen, auch ehemalige Sowjetrepubliken. Er wollte, dass sie unabhängig und wirtschaftlich stark sind. Polen hat vitale Interessen in dieser Region.

euronews: Wie denken Sie geht der Rest der Welt mit der Tragödie von Smolensk um? Die meisten Medien scheinen desinteressiert zu sein. Ist das Thema Smolensk damit abgehakt?

Biskup: Die Welt hat Smolensk abgehakt, weil sie kein Interesse an dem Thema hat. Das Gleiche gilt für die EU, die ebenfalls keine politischen oder wirtschaftlichen Interessen mit diesem Fall verbindet. Die EU ist überhaupt nicht betroffen, weil Polen die EU nie um Unterstützung gebeten hat. Also hält sich die EU zurück und sieht auch keine Veranlassung, irgendwie aktiv zu werden. Polen hat nicht danach gefragt, also sagt sich Brüssel: “Das ist Euer Problem.” Da Polen und Russland Nachbarn sind, ist das Ganze für die EU ein bilaterales Thema.

euronews: Polen steht also allein da, danke für das Gespräch.

Biskup: Danke Ihnen.