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"Der Iran steckt hinter religiösen Konflikten im Irak"

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"Der Iran steckt hinter religiösen Konflikten im Irak"

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Nach der amerikanischen Invasion im Irak vor neun Jahren war Tariq al-Haschimi ein wichtiger sunnitischer Politiker im Versöhnungsprozess. Als Generalsekretär der Irakischen Islamischen Partei hat er aufständische Gruppen überzeugt, mitzumachen. Seit 2005 ist er Vizepräsident des Irak.

Zur Zeit kämpft er um sein politisches Überleben – unter anderem gegen einen Haftbefehl wegen “Terrorismus”, initiiert von der Regierung in Bagdad, in der Schiiten das Sagen haben.

Er vermutet den Iran hinter religiösen Richtungskämpfen und politischen Unruhen im Irak. Mit Al-Haschimi sprach Euronews-Korrespondent Bora Bayraktar in Istanbul.

Bora Bayraktar, euronews:

“Ich möchte beginnen mit den jüngsten Bombenanschlägen im Irak. Da wurde auf die empfindlichsten Städte gezielt: Samara, Kirkuk und Bagdad. Hier ist die religiös motivierte Gewalt sehr hoch. Wie bewerten Sie das?”

Al-Haschimi:

“Gut, das ist nur ein neuer Beweis dafür, dass es nichts gibt, was den Namen “qualifiziertes Sicherheitsmanagement” verdient. Und die Terroristen erwischen meist unschuldige Menschen und ab und zu Regierungsstellen. Und dieses Mal, das haben Sie richtig beobachtet, ging es in der Tat nicht nur darum, eine bestimmte Gruppe zu treffen. Offenbar sind jetzt alle Iraker Ziel der Terroristen. Und das ist ganz logisch. Immer wieder habe ich die Art und Weise kritisiert, wie das Oberkommando die Sicherheitsfrage im Irak handhabt. Sowas kann jederzeit wieder passieren.

Wo ist das Problem? Ungeachtet der Dollar-Milliarden, die seit 2003 reingesteckt wurden, haben wir bis jetzt leider keine qualifizierten Sicherheitskräfte, die mit den tatsächlichen sicherheitspolitischen Herausforderungen fertig werden könnten. Wie oft haben wir an Ministerpräsident Nuri al-Maliqi appelliert, er sollte bescheiden sein und das irakische Volk urteilen lassen. Und sich von Zeit zu Zeit für die Übergriffe entschuldigen. Weil es die Menschen sind, die leiden. Unschuldige Menschen, Durchschnittsbürger, Durchschnittsiraker, nicht das hochrangige Regierungspersonal, die sind doch alle durch Bodyguards gesichert. Das Problem ist der ganz normale Bürger, der immer wieder etwas abkriegt. Das interessiert keinen.”

euronews:

“Wer, glauben Sie, steckt hinter diesen Angriffen?”

Al-Haschimi:

“Die Lage im Irak, die politische Willensbildung, ist sehr anfällig. Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Viele Beteiligte sind nicht überzeugt oder engagiert genug, um den Irak zu stabilisieren. Es gibt viele viele viele Quellen der Gewalt. Das ist nicht nur Al-Qaida. Sogar die Korruption der Sicherheitskräfte kommt als Quelle der Gewalt in Frage. Das sind echte Herausforderungen. Und so leid es mir tut, mein Land wird noch jahrelang instabil sein. Für die großen Streitfragen ist einfach keine Lösung in Sicht.”

euronews:

“Und was ist, ich meine … diese Angriffe sehen so aus wie ein Versuch, Öl in die religiösen Richtungskämpfe zu gießen. Diese Auseinandersetzungen bestimmen doch mehr und mehr die Politik im Irak. Oder etwa nicht?”

Al-Haschimi:

“Der Kern des Problems ist die Politik, nicht die religiösen Konflikte. Aber ich kann nicht verhehlen, dass die politische Instabilität in gewissem Maße einen religiösen Anstrich hat. Das ist klar.

Wenn ein Tariq Haschimi grundlos beschuldigt wird, dann verstehen die Menschen schon, dass es da um Glaubensfragen geht, das sind religiös begründete Angriffe – unabhängig von der politischen Richtung. Das ist auch so eine Baustelle.”

euronews:

“Wie riskant sind diese ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen? Könnte der Irak an einen Punkt kommen, an dem er unter drei Interessengruppen (Schiiten, Sunniten, Kurden) aufgeteilt wird?”

Al-Haschimi:

“Ich hoffe, es wird nicht so kommen. Denn das würde nicht nur mein Land ins Chaos stürzen, in politisches Chaos, das würde die ganze Region reinziehen. Denn der Irak, das haben Sie richtig erkannt, ist ein reiches Land. Und jede geographische Abspaltung würde Nachbarländer auf den Plan rufen, die sich einmischen.

Die Folge wäre ein großer Kampf im ganzen Nahen Osten. Das würde also weder den nationalen Interessen des Irak dienen noch der Stabilität der Region.”

euronews:

“Nehmen wir mal regionale Mächte wie Iran, Türkei, oder unter anderem Saudi-Arabien und auch die Vereinigten Staaten – haben sie Interesse daran, dass der Irak ein Land bleibt? Oder gibt es da welche mit einer ganz anderen Rechnung?”

Al-Haschimi:

“Ich kann da aus meiner eigenen Erfahrung berichten und von den Gesprächen, die ich zum Beispiel kürzlich in Saudi-Arabien, Katar und der Türkei geführt habe – drei Länder mit Einfluss und erheblicher Macht im Nahen Osten. Dort macht man sich große Sorgen um die Stabilität des Irak. Sie sind sehr dafür, dass alle gesellschaftlichen Kräfte im Irak zusammenarbeiten, ihre Differenzen beilegen und eine nachhaltige Einheit des Irak erreichen.”

euronews: “Und der Iran?”

Al-Haschimi:

“Das Problem ist, der Iran schürt die religiösen Konflikte, wo er nur kann. Ich muss jetzt fair bleiben in meiner Analyse. Verglichen mit der Politik des Iran in der Vergangenheit, ist das Phänomen nicht neu. Hinter den religiösen Konflikten in meinem Land steckt der Iran.

Uns Irakern liegt sektiererische Philosophie oder sektiererisches Verhalten gar nicht. Bisher haben wir im Irak immer die Wurzeln des anderen respektiert. Wir haben nicht einmal unsere Nachbarn oder Freunde danach gefragt…

Aber heute, nein. Inzwischen muss man das leider fragen, den anderen festnageln. Das kam als Nebenprodukt mit den Amerikanern und der Iran hat es vorangetrieben. So ist das jetzt. Der Iran verhält sich da ganz anders als die Türkei. Was mich angeht, ich erzähle nur, was ich selbst erlebt habe. Ohne Übertreibung. Ich bin kein anti-iranischer Politiker. Aber ich muss die Dinge ansprechen, sachlich und aus eigener Erfahrung.”