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Panik in Griechenland?

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Panik in Griechenland?

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Athen steckt in einer politischen Sackgasse. Am 17. Juni sind die Bürger erneut aufgerufen, ihre Stimme abzugeben, doch die Chancen auf eine politische Einigung sind gering.

Der drohende Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone und damit eine mögliche Abwertung griechischer Einlagen lassen die Bevölkerung um ihr Erspartes fürchten. Die Folge: Schlangen vor den Geldautomaten, in Scharen räumen die Griechen ihre Konten. Allein am Montag wurden nach Angaben der Banken mehr als 700 Millionen Euro abgehoben. Eine Katastrophe für die bereits geschwächten Geldinsitute.

Die griechische Zentralbank gab bekannt, dass seit Januar 2010 an die 72 Milliarden Euro abgehoben wurden. Experten zufolge handelt es sich zum Teil um Kapitalflucht, aber nicht nur. Denn die Krise hat viele Griechen mit voller Wucht getroffen. Nach fünf Jahren Rezession sind mehr als 1 Million Menschen arbeitslos. Ihnen bleibt oft nichts anderes übrig, als an ihr Erspartes zu gehen. Nur so können sie sich über Wasser halten. Das führt auf Dauer natürlich zu einem Anstieg der Geldabhebungen.

Das griechische Bruttoinlandsprodukt ist zwischen 2008 und 2012 um rund 20 Prozent gesunken. Im Zentrum Athens sieht man die Folgen: Viele Geschäfte mussten schließen. Ladenbesitzer George Vergetzis erzählt: “Ich bin seit mehr als 43 Jahren in dieser Strasse und es ging hier immer recht gut, doch jetzt ist die Situation sehr schlecht, viele meiner Kollegen machen zu.”

Nicht nur die Kaufkraft der Griechen hat stark abgenommen, die Preise sind außerdem in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im privaten Sektor wurden im Rahmen der Sparmaßnahmen die Löhne um mehr als 20 Prozent gekürzt. Die Wut vieler Griechen ist groß.

Laura Davidescu, Euronews:

“Uns bei Euronews beschäftigt die äußerst unsichere Lage Griechenlands. Zugeschaltet ist die griechische Journalistin Sofia Papaioannou. Sofia, die Neuwahlen in Griechenland sind für Juni angesetzt. Die griechischen Banken bluten buchstäblich aus, viele Griechen heben ihr Geld ab. Greift Panik um sich?”

Sofia Papaioannou:

“Die Situation ist sehr chaotisch und zudem unvorhersehbar. Wir können nicht sagen, was passieren wird. Neueste Umfragen zeigen, dass selbst nach den Neuwahlen wohl keine der Parteien eine Mehrheit der Stimmen bekommen wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: einerseits der politische Zusammenbruch, andererseits die Bildung, ja Erzwingung, einer so sehr benötigten Koalition.”

LD, Euronews:

“Die Griechen haben den sparWILLIGEN Parteien eine klare Abfuhr erteilt.Gleichzeitig wollen 80 Prozent der Griechen, dass ihr Land in der Eurozone verbleibt. Wie passt das zusammen? Was wollen die Griechen wirklich?”

Sofia Papaioannou:

“Ich denke die Griechen wollen wirklich in der Eurozone bleiben. Aber sie wissen auch, dass dafür ein hoher Preis bezahlt werden muss und damit sind einige Menschen nicht einverstanden.
Die Griechen sind erschöpft. Wir haben gerade zwei Jahre strengen Sparens hinter uns. Wir wissen schon jetzt, dass Mitte Juni, zum Zeitpunkt der Neuwahlen, neue, noch härtere Sparmaßnahmen fällig werden. Das Dilemma ist groß: Entweder wir billigen das Sparprogramm weiter, weil wir sonst aus der Euorzone austreten müssen. Oder wir vergessen den Euro, umgehen die Sparmaßnahmen und suchen einen Kompromis.

Die Situation zeigt doch einmal mehr, dass die Griechen nicht verstehen, was geschieht. Sie trauen der Europäischen Union nicht. Sie wissen zwar, was im eigenen Land vorgeht, trauen ihren Politikern aber ebensowenig. Sie zweifeln an ihrer Aufrichtigkeit.”

LD, Euronews:

“Die Griechen haben ihr Vertrauen verloren. Aber was ist mit ihm, Alexis Tsipras, Kopf der radikalen Linken. Er ist der wahre Gewinner der vergangen Wahl. Tsipras hat versprochen, dem, so sagt er, “barbarischen Pakt” eine Ende zu bereiten. Wie will er die Griechen aus der Miesere führen?”

Sofia Papaioannou :

“Sein Plan ist unklar. Einige seiner linken Anhänger sagen, dass sie einen kompletten Ausstieg aus dem Sparprogramm wollen. Andere wollen zwar nicht komplett aussteigen, dafür aber einige der Maßnahmen umgehen. Es ist nicht klar, wie sie vorgehen wollen.
Die Umfragen lassen erahnen, dass nun Syriza stärkste Partei sein wird – allerdings wieder ohne eigene Mehrheit. So wird auch diese Partei mit der ihr verliehenen Macht wenig anfangen können.”

LD, Euronews:

“Glauben Sie, dass Ihr Land noch einen Ausweg finden wird? Was ist Ihr Gefühl dabei?”

Sofia Papaioannou :

“Nun, ein hoher Anteil der Bevölkerung will nicht zurück und ich glaube, dass die harten Sparmaßnahmen diese Menschen zu solcher Radikalität gezwungen haben. Einige sagen, dass die Griechen in dieser ersten Wahl deutlich gemacht haben, was sie nicht wollen, und dass sie in der nächsten Wahl zeigen werden, was sie wirklich wollen. Die Angst vor der Zukunft wird vor dem zweiten Wahlgang stärker sein, die Menschen dadurch vielleicht besonnener.
Die Menschen hier in Griechenland kennen das hohe Risiko, das mit den Ansichten der Linken einhergeht. Und sie verstehen auch, dass Europa über das Verhalten der Griechen erbost ist.
Ich hoffe, dass in Griechenland sehr bald eine Form politischer Stabilität herrschen wird.”

LD, Euronews:

“Sofia, vielen Dank!”